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Emotionales Essen - wenn Gefühle runtergeschluckt werden

Um es vorwegzunehmen: Nein, ich weine nicht beim Essen :-) Mit emotionalem Essen meine ich die Kompensation von Gefühlen durch Essen.

 

Ehrlich gesagt habe ich es in meinen "jungen Jahren" nicht verstanden, warum man sich beim Essen nicht beherrschen kann. Wenn ich keinen Hunger habe, dann esse ich doch einfach nichts - Basta! Doch auch ich werde älter und weiser ;-)

 

Woher emotionales Essen kommen kann und wie wir damit umgehen können, erfährst du in diesem Beitrag.


Emotionales Essen hat erst einmal nichts mit dem körperlichen Hungergefühl zu tun, sondern oftmals mit unterdrückten Gefühlen.


 Kommt dir eine der folgenden Situationen bekannt vor?

  • In der Arbeit ist es sehr stressig, die Schoko-Riegel im Regal ziehen dich förmlich an. Du fühlst dich ein wenig wie ein Junkie, als dir der Schokoriegel im Mund ein wenig Erleichterung verschafft. (Stress)
  • Die To Do´s sind erledigt, du bist allein zuhause und weißt nicht so recht, was du mit der Zeit anstellen sollst - du gehst zum Kühlschrank und nimmst dir einen Joghurt. Eigentlich hast du keinen Hunger, aber es ist ja nur ein Joghurt. (Langeweile/Einsamkeit)
  • Du bist auf der Hochzeit von guten Freunden, es gibt ein Buffet, das durchgehend tolle Kreationen bereithält. Es ist so ein toller Tag, du siehst viele alte Freunde nach langer Zeit wieder. Das gemeinsame Essen verbindet. Du isst und isst, möchtest nicht, dass die spannenden Unterhaltungen aufhören und isst weiter. (Freude)

Na, wieder erkannt? Emotionales Essen hat erst einmal nichts mit dem körperlichen Hungergefühl zu tun, sondern oftmals mit unterdrückten Gefühlen. Folgende Gefühle können hinter dem emotionalen Essen stecken - dabei ist es unerheblich, ob es sich um positive oder negative Emotionen handelt:

  • Freude
  • Angst
  • Trauer
  • Stress
  • Aufgeregtheit
  • Müdigkeit
  • Erschöpfung
  • Frustration
  • Einsamkeit
  • Langeweile
  • Wut
  • Belohnung
  • Scham
  • Schuld
  • Traurigkeit

Wir verbinden also irgendwann nicht nur Essen mit Gefühlen, sondern auch Gefühle mit Essen.


Aber woher kommt es, dass wir die Gefühle nicht einfach aushalten, sondern sie kompensieren?

Hier drei Ansätze, auf die ich gestoßen bin:

  • Als Baby haben wir geschrieen, wenn wir Hunger hatten. Wir bekamen dann warme, süße Milch und die Wärme und Zuneigung unserer Eltern. Wir haben gelernt: Schreien = Essen = Zuneigung
  • Als Kinder bekamen wir, wenn wir uns benommen haben, als Belohnung eine Süßigkeit. Wir haben gelernt: Gutes Benehmen = Essen = Belohnung
  • Als Erwachsene merken wir: Egal, wie schlimm unser Leben gerade ist, Essen ist immer in Hülle un Fülle da. Es gibt uns also Sicherheit. Krise = Vorhandensein von Essen = Sicherheit

Wir verbinden also irgendwann nicht nur Essen mit Gefühlen, sondern auch Gefühle mit Essen.

 

Ich selbst bin ein emotionaler Esser und ich wette, einige von euch ebenfalls. Essen nimmt in unserem Leben eine sehr große und wichtige Rolle ein: Es stillt unseren Hunger, es verbindet Menschen, es schmeckt, es ist ein Ritual, es ist unsere Kultur. Wenn Essen, aber Gefühlskompensator wird, ist Vorsicht geboten. Denn der eigentliche Schmerz sitzt tiefer - über das Essverhalten wird er nur sichtbar.


 "Aber was fühlen Sie dabei?" Ich stockte und horchte in mich hinein und ... konnte nichts fühlen.


Wir haben irgendwann gelernt, Gefühle zu unterdrücken. Denn: Gefühle sind unprofessionell und machen schwach. Habt ihr so etwas schon einmal gehört? Man soll sachlich und möglichst objektiv an Probleme herantreten und sie genauso lösen. Gefühle sind heutzutage eher eine Schwäche als eine Stärke. Es macht den Anschein, als würde der herrschende Kapitalismus strikte Vorgaben machen, keine Sonderbehandlungen, keine "Gnade". Wir sollen funktionieren und Leistung erbringen. Da bleibt kein Raum für Gefühle!

 

Bis vor zehn Jahren hätte ich das tatsächlich so unterschrieben - bis mich eine Therapeutin einmal fragte: "Was fühlen Sie dabei?" Ich versuchte, ihr eine Situation erneut zu erklären. Und sie wiederholte: "Aber was fühlen Sie dabei?" Ich stockte und horchte in mich hinein und ... konnte nichts fühlen. Tatsache, ich hatte das Fühlen verlernt. Ich musste erst wieder lernen, meine Gefühle zu fühlen und sie zu benennen bzw. zu beschreiben. Gefühle waren für mich immer so banal und einfach, doch das sind sie nicht. Wir sind zwar nicht unsere Gefühle, aber sie sind ein Teil von uns und mischen in unserem Leben nun mal mit. Eben auch beim Essen.

 

Als ich den Zusammenhang zwischen meinen unterdrückten Gefühlen und meinem Essverhalten erkannt hatte, war ich schon auf dem ersten Weg zur Erkenntnis.

Doch wie damit umgehen bzw. es ausschalten? Soll ich einen anderen Kompensator dafür finden? Wo setze ich an?

 

Erkennen - Annehmen - Reflektieren - Handeln

  • Erkennen: Ich versuche, die spezifischen Situationen und Handlungsmuster zu erkennen und setze mich mit ihnen auseinander.
  • Annehmen: Es ist, wie es ist. An dieser Situation des emotionalen Essens kann ich jetzt gerade, wenn ich es erkenne, nichts ändern. Es macht mich weder zu einem schlechteren, noch zu einem besseren Menschen. Ich lasse es sein und nehme es an. Keiner ist perfekt.
  • Reflektieren: Es heißt aber nicht, dass es so bleiben muss. Ich, nur ich, kann es ändern und übernehme hiermit Verantwortung. Ich stelle mir verschiedene Fragen: Was bedrückt mich eigentlich? Warum will ich jetzt essen? Warum will ich das jetzt essen? Mit was verbinde ich Essen?
  • Handeln: Ich agiere, ich reagiere nicht mehr. Statt Gefühle mit Essen zu unterdrücken, unterdrücke ich das (nicht durch Hunger hervorgerufenes) Essen durch das Zulassen von Gefühlen. Weine, lache, schreie oder schreibe deine Gefühle auf!

Eine Alternative für das Essen einzusetzen (z.B. Sport), ist nur ein anderer vorgeschobener Grund, sich nicht mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen. Früher oder später kann einen auch das nicht vor der eigentlichen Konfrontation bewahren. 


Im Gegensatz zu Alkohol und Drogen kann man bei einer Esssucht nicht einfach in einen Entzug gehen, denn Essen gehört zum Leben und zum Überleben. 


Natürlich kann ich meine mit dem Essen verbundenen Gefühle nicht für immer ausschalten - das möchte ich auch nicht. Essen ist ja etwas schönes. Doch vor allem negative Gefühle sollten nicht durch Essen kompensiert oder unterdrückt werden, sodass ich den Eindruck habe, danach geht es mir besser. Ich möchte an der Lösung des Problems und nicht an dem Symptom arbeiten. 

Denn emotionales Essen kann zur Sucht werden, wenn ich den Glaubenssatz "negative Emotion -> Essen -> positive Emotion" aufstelle und in mir verankere. Im Gegensatz zu Alkohol und Drogen kann man bei einer Esssucht nicht einfach in einen Entzug gehen, denn Essen gehört zum Leben und zum Überleben. Emotionales Essen ist oftmals der Eintritt in eine Essstörung. Siehe hierzu meinen Beitrag über Essstörungen.

 

Und ja: Es gibt auch die, denen sprichwörtlich der Appetit vergeht, wenn sie in oben genannten Situationen sind. Auch das kann gefährlich werden, wenn Gefühle zur Essensverweigerung und Appetitlosigkeit führen.

 

Wir haben das "Gefühle essen" irgendwann mal gelernt, deshalb können wir es uns auch wieder abgewöhnen. Jede Veränderung beginnt mit dem ersten Schritt und bedeutet erst einmal Aufwand. Doch es lohnt sich. Ich persönlich bekomme dadurch eine stärkere Verbindung zu mir selbst und kann mich mehr "spüren". Das schafft mehr Selbstvertrauen und Selbstliebe.

 

Ich freue mich, wenn der Beitrag euch einen neuen Blick auf die Dinge gibt. Der Artikel basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen und zeigt eine von vielen Möglichkeiten, damit umzugehen. Es ist immer zu empfehlen, zuerst einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen.