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Vaccarum lactarum est* – Kühemelken mit System

Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich endlich zu meinem „Review“ über meine Weiterbildung in Achselschwang.

 

Im Sommer letzten Jahres hatte ich mir im Rahmen meiner Auszeit vorgenommen, auf einer Alm als Sennerin zu arbeiten. Dazu benötige ich den Kurs „Grundlehrgang für tierische Erzeugung, Schwerpunkt Rinderhaltung“, der aber aufgrund der Kurzfristigkeit schon ausgebucht war. Dann ging ich freiwillig auf den Bauernhof ins Wipptal. Auf die Lehrgangsliste für das Folgejahr ließ ich mich vorsichtshalber dann doch setzen. Denn meinen Wunsch, eines Tages mal auf einer Alm zu arbeiten, gibt es immer noch…

 

Die Zeit auf dem Bauernhof 2018 hat riesigen Spaß gemacht. Zwar half ich praktisch beim Melken mit, hatte aber überhaupt kein Hintergrundwissen darüber, wie das alles funktionierte und worauf man alles achten musste. Und eine große Angst hatte ich auch: Die Kuh nie richtig auszumelken – denn das kann negative gesundheitliche Konsequenzen für die Eutergesundheit haben.

 

Nun – wie auch immer – kam der 11.03. und ich sitze zusammen mit Ulli, einer weiteren Lehrgangsteilnehmerin aus München, als Fahrgemeinschaft im Auto nach Achselschwang.

 

Nach der Ankunft beziehen wir unsere Zimmer. Ulli und ich sind uns schon auf der Fahrt sympathisch und gehen deshalb zusammen in ein Zimmer (von dem ich übrigens positiv wirklich überrascht bin – gemütlich, geräumig, sauber und warm).

Um halb zehn watscheln wir als einer der ersten in den Seminarraum. Eher auf der Suche nach Mobilnetz und Internet (das wir dort auch nicht finden). So können wir alle Ankommenden auch gleich inspizieren. Wir sind 18 Teilnehmer und ein Querschnitt der Gesellschaft – anders kann ich das nicht beschreiben. Später mehr.

 

Unser Lehrer Herr Müller beginnt pünktlichst den Unterricht – auch wenn noch nicht alle da sind. Er stellt sich vor und gibt uns einen Überblick über den Ablauf der zwei Wochen. Seine Liebe zu den Kühen sieht man ihm auch gleich an: ein Kuh-Ohrstecker, einen Kuhgürtel sowie einen Kuh-Ring. Ich muss schon sehr in mich hineingrinsen – finde es aber sympathisch und vor allem authentisch. Er redet mit viel Witz, gleichzeitig strahlt er eine enorme Kompetenz aus – er macht das eben schon seit 23 Jahren.

Und sogleich beginnt der Unterricht. Thema: Melken. Die Kuh-Anatomie kommt nicht zu kurz, da sie eine wichtige Rolle beim Melken spielt.

 

Best-Practice Anleitung fürs Melken:

  1. Platz unter der Kuh säubern (abspritzen)
  2. Kuh ansprechen & berühren, am Körper entlang zum Euter streichen
  3. In den Vormelkbecher melken und auf Auffälligkeiten in der Milch achten (eitrig, flockig etc.)**
  4. Mit schleuderfeuchtem Lappen die Zitzen und das Euter reinigen
  5. Mit Desinfektionstuch Reinigung prüfen
  6. Melkgeschirr greifen und Vakuum anschalten
  7. Melkgeschirr von Hinten nach Vorne (im Uhrzeigersinn) anlegen
  8. Melkgeschirr durch Positionierungsstab ausrichten

**zwischen 3. und 6. dürfen max. 60 Sekunden vergehen. Warum? In dem Moment, in dem die Zitzen berührt werden, wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das die Kuh die Milch geben lässt. Wenn das Melken NICHT innerhalb der 60 Sekunden passiert, kann es Probleme beim Melken geben.

 

Wenn der Melkvorgang zu Ende ist (= wenn weniger als 300ml/Minute gemolken werden):

  1. Melkgeschirr abnehmen
  2. Euter prüfen (lassen)
  3. Dippen (um den Kanal zu versiegeln, damit keine Bakterien eindringen können)
  4. Melkgeschirr abbrausen und mit Essigsäure desinfizieren

Ich habe in den ersten Stunden so viel Neues über eine Sache gelernt, die ich zwar schon mal gemacht, aber nie hinterfragt habe. Für mich ergeben sich so viele Aha- und Wow-Momente. Gleichzeitig stelle ich viele Fragen, da ich alles mit dem Hof vergleiche, auf dem ich war. Herr Müllers Faszination über Euter lässt sich an seiner Gestik ablesen, wenn er heiter in die Luft an einem imaginären Euter melkt.

Nach dem Mittagessen hängen die Einsatzpläne aus, wann wer wo eingeteilt ist. Es gibt:

  • Stallarbeiten
  • Kälberstall
  • Fischgräten-Melkstand
  • Tandem-Melkstand

Jeder klappert in der Woche alle Stationen mindestens einmal ab. Die Arbeiten fallen morgens zwischen 5:30 und sieben Uhr sowie abends von 15:30 und 17 Uhr an.

 

Die Theorie vom Vormittag wird am Nachmittag praktisch gefestigt: Von zwei weiteren Lehrern (Herrn Schwarz und Herrn Schwaiger) lernen wir, an Gummizitzen das Melkgeschirr anzulegen. Ich bin etwas überfordert und muss feststellen: Ich dachte, ich kann das besser! Naja, ich habe ja noch zwei Wochen zum Üben. Die armen, armen Kühe.

 

Am ersten Abend bin ich zusammen mit einer anderen Teilnehmerin bei den Stallarbeiten eingeteilt. Die Arbeit ist etwas unterfordernd: Wir sind schnell fertig. Ich bin enttäuscht, dass es körperlich nicht anstrengend ist. Ich freue mich deshalb umso mehr auf den Melkstand.

 

Nach „Feierabend“ geht der Großteil der Gruppe in die einzige Wirtschaft im Ort. Dort gibt es WLAN, Bier und nette Gespräche. Die Gruppe lernt sich näher kennen. Wir sind eine komplett gemischte Truppe: Vom Statiker über die eingeheiratete Bäuerin bis zum Abiturienten und den Wunsch-Almerinnen sowie dem Sohn, der den Betrieb des Vaters übernehmen soll, ist wirklich alles dabei. Wir sind 18 Leute (sechs Männer, zwölf Frauen) zwischen 19 und Ende 50.

 

Gegen halb neun geht es für mich ins Bett. Auch wenn ich daheim auch immer um fünf Uhr aufstehe, bin ich gespannt, wie es hier sein wird.

 

Meine Schlafqualität ist hier eher mäßig, aber das liegt daran, dass ich einfach ein „Heimschläfer“ bin. 

Am nächsten Morgen bin ich im Frischgräten-Stand. Der Stand hat nichts mit dem Zustand der Kühe nach dem Melken zu tun, sondern heißt deswegen so, weil die Anordnung der Kühe beim Melken wie eine Fischgräte aussieht. So bekommt man zweimal acht (also 16) Kühe gleichzeitig gemolken. Ich bin nervös und stelle mich auch entsprechend an. Die berühmte Kettenreaktion beginnt: Ich bin nervös, mache dadurch die Kuh nervös, die mich wiederum nervös und das Melken unmöglich macht. Ich hole mir Unterstützung. Danach bin ich mental fertig.

 

Frühstück gibt es zwischen sieben und acht. Wir kommen um kurz nach sieben aus dem Stall, ziehen uns um und gehen in die Kantine. Der Kaffee ist leider eher braungefärbtes Wasser. Ich versuche meinen Koffein-Bedarf über die Menge zu decken – meine Blase bedankt sich.

 

Heute unterrichtet uns Frau Krumm. Sie ist jung, dynamisch, ist gepierct und tätowiert, erzählt mit ironischer Ehrlichkeit aus der Praxis. Auch sie hat zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern einen Bauernhof. Bei ihr lernen wir den Aufbau und die Funktionen des Euters. In der Praxis bei Herrn Schwarz und Herrn Schwaiger (könnte auch eine Sendung sein: „Schwarz & Schwaiger“), wie man Zitzenbecher auseinander- und wieder zusammenbaut. Zudem wird das Anlegen des Melkgeschirrs nochmal trainiert. Beim Wetthandmelken bekomme ich in einer Minute 460ml raus – meine Unterarme und Finger schmerzen, gewonnen habe ich trotzdem nicht.

 

Abends bin ich diesmal im Tandem-Melkstand: Hier hat jede Kuh eine eigene „Kabine“. Das ist für sie angenehmer. Allerdings können gleichzeitig nur dreimal zwei (also sechs) Kühe gemolken werden. Der Stand ist Luxus für die Kühe. Sie sind entspannt, ich bin entspannt. Deswegen geht es deutlich besser als in der Früh.

 

Am dritten Tag bin ich morgens wieder im Fischgräten-Stand. Im Unterricht lernen wir von Frau Krumm alles über die Geburt, die Versorgung und die Aufzucht von Kälbern. Auch wenn ich weiß, dass das Thema sehr wichtig ist, interessieren mich die Kälber nicht so sehr. Dabei sind die ersten Wochen hinsichtlich der Ernährung entscheidend: Wenn bei der Immunisierung ein „Fehler“ gemacht wird, ist das Kalb für immer gestraft (man bedenke: Im Gegensatz zum Menschen kommt ein Kalb OHNE jegliches Immunsystem zur Welt).

 

Nachmittags geht es zurück zur Kuh: Futtermittelkunde und Futtermittelbewertung. Ich probiere ja auch immer gerne selbst, ich alte Kulinarikerin 😊 Bei der Futtermittelbewertung bin ich allerdings eine Niete. Auch wenn ich schon auf dem Feld gearbeitet habe, kann ich nicht auf den ersten Blick erkennen, wie qualitativ wertig der Schnitt und somit das Futter ist.

 

Abends bin ich beim „Kälber-Papi“ – seinen richtigen Namen kenne ich nicht. Er ist ein komischer Vogel mit Bundeswehrjacke, schulterlangen, strähnigen Haaren und einer BVB-Kappe. Am Anfang kommt er uns etwas schnippisch, dann wird aber schnell klar, dass er einfach gerne etwas zu Erzählen hat. Ich höre zu, die Kollegin arbeitet. Wir sollen bei einem Kalb Fiebermessen. Mmpf! Okay. Ich habe das weder beim Mensch, noch beim Tier jemals rektal gemacht. Aber es soll ja für alles bekanntlich ein erstes Mal geben, also loooooos…. Ups, falsches Loch! Der Kälber-Papi erklärt uns nun offiziell für unfähig. Wir sind peinlich berührt und lassen die Sprüche über uns ergehen.

 

Nach dem Abendessen bekommen wir eine Führung durch die ortseigene Hackschnitzelanlage: Ich bekomme zwar nicht alles akustisch und logisch mit, dafür ist es warm 😊

Auch am vierten Tag geht es wieder zum Melken (Fischgräte). Das Melken macht mir mittlerweile wirklich großen Spaß – solange die Kuh und ich nicht nervös sind.

 

In der Theorie geht es dann um Kuhgesundheit und die Reinigung des Melkgeschirrs. Viele gehen ja davon aus, dass ein Kuhstall dreckig (verschissen) ist und man deswegen nicht auf Hygiene achten müsste. Das ist aber falsch. Die Zitzen einer Kuh sind ein idealer Eindringungsort für Bakterien. Eine Euterentzündung ist für die Kuh äußerst schmerzhaft. Und auch für den Bauern sind das hohe wirtschaftliche Einbußen, da die Milch dieser Kuh nicht mehr verwendet werden kann: Weder zum Verkauf, noch zum Eigenverzehr, noch zum Kälbertränken. Auch an dieser Stelle zu erwähnen: Kühe sind nicht nur süß und toll. Kühe geben Milch und sind somit ein Einkommensfaktor für den Bauern. Es sind Lebewesen, die es gut haben sollen. Trotzdem ist das Thema Wirtschaftlichkeit differenzierter zu bewerten als in anderen Branchen.

 

Das ist auch eines der größten „Learnings“ für mich: Die Landwirtschaft ist der Spiegel der Gesellschaft. Das gilt für die Nachfrage wie für die Preise: Der Konsument will immer weniger bezahlen, die Bauern werden im Preis gedrückt und müssen das über die Masse kompensieren. Das geht über kurz oder lang schief (vgl. das Gülleproblem in Deutschland).

 

Nach dem Abendessen bekommen wir von Maria, einer Mitschülerin, eine Präsentation über ihre Zeit auf der Alm 2018. Sie zeigt uns fantastische Bilder und erzählt von der harten Arbeit: Es war nicht immer alles so rosig, wie auf den Bildern zu sehen. Aber es war eine grandiose Erfahrung. Zwei Stunden lauschen wir gespannt ihren Geschichten mit einem warmen Bier in der Hand.

 

Zum Ende der Woche geht es für mich morgens nochmal in den Tandem-Melkstand. Zu meinem Glück ist Herr Müller auch dabei: Praxis und Theorie finden zueinander – genial!

 

Freitagmittag werden wir ins Wochenende entlassen. Fast alle fahren heim. Montag kommen wir wieder!

Am darauffolgenden Montag bin ich schon morgens irgendwie traurig: „Der letzte Montag.“ Letzte Woche schien alles noch so ewig lang zu dauern. Aber jetzt beginnt der letzte Montag. Ich fahre wieder zusammen mit Ulli nach Achselschwang.

 

Diesmal trifft sich die Klasse gleich beim Kälberstand: Heute werden Kälber enthornt. Das klingt im ersten Moment schlimm und schmerzhaft. Die Kälber werden aber vorab sediert und erhalten ein Schmerzmittel. Sie fallen dann in einen leichten Schlaf. Die Enthornung wird mit einem Kolben vorgenommen, der erhitzt wird. Man muss den Kolben beim Ansetzen mit leichtem Druck auf der Hornnarbe etwas hin- und herdrehen. Man arbeitet dabei direkt an der Schädeldecke. Diese kann man aber nicht verletzen, außer man wendet extremen Druck auf. Es riecht nach verbranntem Haar. Innerhalb von ein paar Sekunden ist es auch schon vorbei. Die Stelle wird desinfiziert. Drei von uns Schülern dürfen sich auch versuchen.

 

Zurück im Seminarraum stehen Rindergesundheit & -ernährung auf dem Stundenplan. Rinder haben übrigens keine sieben Mägen, wie oft angenommen wird, sondern vier: den Pansen, den Schleudermagen, den Netzmagen und den Labmagen. Durch das Wiederkauen wird die Nahrung immer weiter zerkleinert, um so optimal von der Kuh aufgenommen und verwertet zu werden.

 

Meine Arbeitskollegin Marlene kommt mich an dem Abend besuchen und wir gehen zusammen in die Wirtschaft von Achselschwang zum Essen. Danach zeige ich ihr alles. Ich bin richtig stolz, ihr das alles zu zeigen. Abends im Bett kommt mir zum ersten Mal der Gedanke, dass ich tatsächlich für eine komplette Saison auf eine Alm gehen möchte. Ich spinne mir aus, dass ich es ja frühzeitig in meiner Arbeit anmelden und dafür dann unbezahlten Urlaub nehmen könnte. Mit diesen Gedanken schlafe ich seelig ein.

 

Neuer Tag, neue Melkrunde: Im Tandem-Melkstand dürfen wir eine besondere Melkmaschine ausprobieren, die sowohl für die Kuh, als auch den Menschen leicht und angenehm anzubringen ist und das Saugen eines Kalbes suggeriert. Spannend, was es schon alles gibt.

 

Laut Plan ist es dieses Mal mein letztes Melken im Tandem-Melkstand, das muss mit einem Selfie mit Herrn Müller festgehalten werden. Er gibt sich dem widerstandslos hin.

 

Vormittags besuchen wir mit einen Jungviehbetrieb, der ebenfalls zu Achselschwang gehört: Die Jungrinder von hier kommen nach Achselschwang, wenn sie geschlechtsreif sind – die Kälber von Achselschwang kommen hierher, wenn sie keine Kälber mehr sind.

 

Jeder Bauer wird mich jetzt wahrscheinlich auslachen, aber ich wusste wirklich nicht, was „rindern“ bedeutet: Rinder fangen irgendwann an (haha, 1x im Monat) sich gegenseitig zu bespringen. Dabei handelt es sich nicht um lesbische Rinder oder Kühe. Durch das Aufspringen zeigen sie, „wie sie es gerne hätten“. Und wenn die „Opferkuh“ sich nicht wehrt, zeigt sie ebenfalls, dass sie das gerne hätte. Kurz gesagt: Sie sind geil und möchten befruchtet werden. Das nennt man „rindern“.

 

Allgemein finde ich es in dem Kurs (und wahrscheinlich allgemein in der Landwirtschaft) prima, dass man hier über ALLES spricht – es gibt keine Tabus. Hier wird über die Kotkonsistenz philosophiert, die Arme in Scheiden und Polöcher gesteckt oder die Gebärmutter von innen stimuliert, damit der Milchfluss angeregt wird – das ist wahre Therapie für verklemmte Stadtkinder.

 

Nächste Station „Klauenpflege“: Wie auch bei uns Menschen braucht die Kuh regelmäßig eine Pediküre. Weniger aus ästhetischen, als aus gesundheitlichen Gründen. Wir steigen direkt in die Praxis ein und sehen bei der Klauenpflege zu. Die erste Kuh kennt das Prozedere noch nicht und ist nervös.

Auch Klauenkrankheiten sehen wir an der Kuh: Die sog. Erdbeerkrankheit (Montellaro) ist eine Entzündung der Zehenhaut, die durch hohe Feuchtigkeit, die ständig auf den Klauenballen einwirkt, begünstigt und leider kaum aus dem Stall zu bringen ist. Die betroffene Stelle wird gereinigt, mit einer Salbe behandelt und verbunden. Klauenpflege finde ich sehr interessant – es erscheint mir fast wie eine Kunst, wenn an der Klaue herumgeschnitzt wird.

In den nächsten Tagen geht es um die Themen Qualitätsmilch, Milchpreis, Stall- und Rinderbeurteilung. Beim Thema Milchpreis bin ich geschockt: durchschnittlich 0,34€ pro Liter gibt es von der Molkerei, wenn die vereinbarte Prozentzahl an Fett und Eiweiß erreicht wird. Ansonsten gibt es Abzug (wenn weniger) oder Zuschlag (wenn mehr). D.h. der Landwirt beeinflusst die Qualität der Milch über die Fütterung. Wer schlecht füttert, braucht sich nicht über eine schlechte Milchqualität beschweren. Wirklich erstaunlich finde ich die Tatsache, dass man genau den gewünschten „Output“ an Milch füttern kann. Quasi: Ich gebe der Kuh Futter im Wert von X Litern Milch. Hier spielt dann wieder der Wirtschaftsfaktor eine Rolle: Gibt die Kuh weniger Milch, als für das, was ich ihr zugefüttert habe, habe ich wirtschaftlich ein Problem und werde mich wohl langfristig von ihr „trennen“ müssen (bzw. sie sich von ihrem Kopf).

 

Dass „du Bauer“ eine Beleidigung sein soll, kann ich übrigens nicht nachvollziehen. In diesem Beruf musst man ALLES können: Bewirtschaftung der Felder (Naturkunde), Verpflegung von Rindern in allen Lebenslagen (vom Kalb zur Kuh), handwerkliches Geschick (Reparatur von Maschinen, Werkzeug, Stallungen etc.), Sicherstellen der wirtschaftlichen Rentabilität des Hofes und noch so vieles mehr. Das ist der vielseitigste Beruf, den ich kenne. Respekt! Dass es natürlich auch immer schwarze Schafe darunter gibt, verhält sich wie in anderen Berufsgruppen.

 

Ich glaube, ich weiß mittlerweile, warum mir die Arbeit mit den Kühen so viel Spaß macht: Hier habe ich nicht das Gefühl, mich beweisen zu müssen. Es ist einfach ausreichend, so zu arbeiten, dass es den Viechern gut geht. Wenn´s dem Viech gut geht, geht’s dem Bauern gut. Ist eine berufliche Zukunft in der Landwirtschaft vielleicht doch eine Option für mich? 

Am vorletzten Tag ist es dann so weit: Mein letztes Mal Melken. Ich bin etwas sentimental.

Meine Sentimentalität wird aber gestört durch meine innerlich aufkommende Panik im Unterricht, als es um Futtermittelberechnung geht. Würg! Ich fühle mich in die Schulzeit versetzt, als ich verzweifelt über Mathematik-Formeln gebeugt saß – ich glaube auch, dass aus der Zeit meine Stirnfalten stammen: Wenn man dauerhaft verdutzt schaut, bleibt das irgendwann – mit beim Erschrecken beim Schielen 😊

 

Abends hocken wir nochmal gemütlich bei einem Bierchen zusammen. Wir sprechen auch darüber, wie schwer es ist (oder scheint) als Landwirt/in einen Partner zu finden. Ich versuche es, aus meiner Sicht zu beschreiben: Du „kaufst“ ja nicht nur den Bauern oder die Bäuerin, sondern das Komplettpaket mit Hof, Feldern, Viechern und Schwiegereltern, die mit am Hof leben. Das schreckt sicher auch einige ab. Du kommst in gewachsene Strukturen und Abläufe hinein, die du erst annehmen musst, bevor du sie ändern oder optimieren kannst. Das stelle ich mir nicht unbedingt leicht vor – für alle Beteiligten.

 

Im Gespräch merke ich auch, wie wichtig ein Austausch zwischen Stadt und Land ist. Oftmals fehlt das Verständnis des jeweils anderen. Fronten verhärten sich. Hier muss vielmehr für einen aktiven Austausch getan werden. Vielleicht ist das auch ein Ansatz für mich….

 

Schwupsdiwups sind plötzlich zehn Tage um! Am letzten Tag gibt es noch einen kleinen Happen Theorie (keine Prüfung – zum Glück!). Herr Müller lobt uns beim Abschied. Wir seien die beste Klasse in den 23 Jahren, in denen er das macht. Ich glaube ihm das auch – wir waren wirklich eine engagierte, interessierte und lustige Klasse. Ich werde das vermissen.

 

Auf dem Weg zurück nehme ich Ulli mit nach München. Nachdem ich sie an ihrer Wohnung abgesetzt habe und zu mir fahre, bekomme ich etwas Pipi in den Augen. Es war einfach schön!

 

Mein Fazit nach zehn Tagen: Ich möchte definitiv weiter in dem Bereich tätig sein. Die Arbeit mit den Tieren und bei der Herstellung von Grundnahrungsmitteln macht Spaß und vor allem macht sie mich zufrieden. Es muss definitiv noch so viel getan werden in der gerechten Entlohnung von Landwirten und dem angemessen Preis für Nahrungsmittel für den Konsumenten.

 

Mir ist bewusst, dass dieser Lehrgang keine fundierte (mehrjährige) Ausbildung zum Landwirt ersetzt. Ich habe auch nicht die Weisheit mit Löffeln gegessen, aber ich habe etwas gelernt, das ich nun versuchen werde, in der Praxis anzuwenden. Ich bin so fasziniert von dem Wissen, das mir vermittelt wurde. Indem ich meinem Umfeld davon erzähle, leiste ich in gewisser Weise auch etwas Aufklärungsarbeit und trage vielleicht ein klein wenig zu gegenseitigem Verständnis bei den Städtern/Verbrauchern und bei den Landwirten bei.

 

Was bleibt?

  • Hygiene, Hygiene, Hygiene – die Zitzenkuppen müssen glänzen!
  • Die Erinnerung an eine wundervolle Zeit mit wunderbaren Menschen, die ich sonst nicht kennengelernt hätte
  • Der Spaß am Melken.

Fakten, die mich überrascht haben:

  • Kühe sind vom Verhalten mit zweijährigen Kindern zu vergleichen – na bravo!
  • Die Kuh hat auch eine Brust – das ist nicht das Euter.
  • Kühe heißen erst Kühe, wenn sie das erste Mal gekalbt haben und Milch geben. Davor sind es Rinder.
  • Männliche Rinder sind Stiere. Kastrierte Stiere heißen Ochsen.
  • Eine gesunde Kuh kaut ca. 40-80mal wieder.
  • Der Bau von Ställen mit Anbindehaltungen wird in Deutschland nicht mehr finanziell unterstützt.
  • Die Kuh hat nicht sieben Mägen, sondern vier!
  • Es gibt Meisterschaften im Melken.
  • Braunvieh ist nicht braun, sondern grau.
  • Mit der „kleinen Leckaufforderung“ zeigt das Rind, dass es am Hals geleckt werden möchte.
  • Es gibt Kühe, die mit einer Tagesmilchleistung von 50 Litern trocken gestellt werden.
  • Wenn die Gase im Pansen nicht mehr abgebaut und entweichen können, muss der Bauer im Notfall einen Trokar in den Pansen stechen. Dabei sollte der Bauer nicht rauchen. Bei den Gasen handelt es sich um Methan.

Über die Lehranstalt Achselschwang bei Utting am Ammersee:

  • Betrieb mit 180-190 Milchkühen
  • Ältester Kuh ist 18 Jahre alt
  • Außenklimastall

Ihr wollt den Kurs auch machen? Dann geht´s hier lang.

 

*abgeleitet von „alea iacta est – die Würfel sind gefallen“ – einfach, weil ich´s lustig finde 😊