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Auf dem E5 von Oberstdorf nach Meran (Teil 1)

Alpenüberquerung - wie jetzt?
Es gibt nicht DIE Alpenüberquerung. Genauso wie es nicht DEN Jakobsweg gibt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Varianten, die Alpen zu überqueren.
Ich habe mich für den Klassiker "E5" ("E" steht für "Europäischer Fernwanderweg") von Oberstdorf nach Meran entschieden. Eigentlich geht der E5 von Oberstdorf nach Bozen. Aber in Bozen war ich schon, also nehme ich die Variante über Meran. Außerdem ist die Strecke gut in acht Tagen zu bewältigen und man durchquert drei Länder (Deutschland, Österreich & Italien). Das reizt mich.
Bei einer Alpenüberquerung gibt es keine "Regeln" hinsichtlich Länge oder Dauer. Man wird nicht daran gemessen, ob man mit dem Bus gefahren ist oder nicht (manche Stellen MÜSSEN sogar mit dem Bus bewältigt werden, da es keine Möglichkeiten zu Fuß gibt).
Ich gehe nicht alleine, sondern mit meiner Mutter über die Alpen. Das ist sowohl Herausforderung als auch Wohltat, denn: Einerseits kennt man sich, andererseits kennt man sich. Ja genau! Das beschreibt es wohl am besten: Man kennt sich hinsichtlich Schwächen und Stärken, kann den anderen einschätzen usw. Allerdings ist es immer noch ein Mutter-Tochter-Verhältnis, in dem wir auch zu kämpfen haben. Wie auch immer. Mama hätte mich nicht alleine gehen lassen, deswegen kommt sie jetzt mit.

Die Hütten/Unterkünfte haben wir alle vorgebucht. Als Wanderführer hat uns OUTDOOR begleitet. Ein weiteres inspirierendes Werk war dieser Bildband.

 

1. Etappe (15.06. / Oberstdorf -> Kemptner Hütte)
Gut, dass wir heute erst den Zug um halb zehn nehmen können (Bayern-Ticket gilt erst am neun Uhr) - etwas gerädert von meinem Abschied in der Arbeit gestern war ich schon😅
Also treffe ich mich mit meiner Mutter, mit der ich mir die Alpenüberquerung antue, um halb zehn in Pasing am Bahnhof und steige in den Zug nach Augsburg. Dort steigen wir nochmal um und sind nach ca. zwei Stunden in Oberstdorf, unserem Startpunkt, angekommen. Es ist halb eins mittags. Heute wird's nur eine "kleine" Tour, deswegen haben wir keinen Stress (denken wir😉). Mein Rucksack ist etwas zu schwer: Man sagt max 12% des eigenen Körpergewichts - tja, MEIN Rucksack wiegt 15,6 kg (inkl. Verpflegung und Wasser). Aber ich kann nicht noch mehr reduzieren, denke ich.
Die erste knapp acht km geht's nur eben gerade aus am Fluß entlang. Es ist entspannt, angenehm zu gehen, das Wetter ist sonnig, nicht zu heiß.
Meine neuen Meindl-Wanderschuhe sind bequem, aber noch nicht ganz eingelaufen. Ich merke, wie sich ein paar Druckstellen entwickeln. Mama hält sofort an: "Die werden sofort behandelt. Nicht, dass du wieder so krasse Blasen bekommst." Okay, Mamiiiiii!!! Es ist schon nicht einfach, sich mit der eigenen Mutter auf ein solches Abenteuer einzulassen. Wir werden sehen.
Bis Spielmannsau ist es flach und sehr bequem, zu gehen. Die Strecke von Oberstdorf bis Spielmannsau hätten wir zwar auch mit dem Bus fahren können, aber doch nicht gleich am Anfang schwächeln oder?!
Nun beginnt der krasse Teil der Wanderung: 1.000 Höhenmeter in drei Stunden sind schon eine krasse Herausforderung. Wir fangen gemütlich an, aber schon bald kristallisiert sich ein Abstand zwischen Mutter und Tochter heraus: Ich bin einfach schneller - was ja bei einem Altersunterschied von etwas über 25 Jahren nicht verwunderlich ist. Für beide ist das auch okay. Wir hatten ja damit gerechnet. Bei Weggabelungen, bei schwierigen Wegpassagen oder auch einfach so wird gewartet. Mama macht das toll. Sie hat das Wandern erst seit kurzer Zeit wieder für sich entdeckt. Sie kämpft anfangs hart und flucht ein wenig. 
Für mich als Tochter ist das irgendwie komisch: Einerseits habe ich wahnsinnige Angst, dass ihr was passieren könnte (Abstürzen und so), andererseits sind wir alle alt genug und können auf uns selbst aufpassen. Naja, egal - das ist allein mein Problem, wie ich damit umgehen soll.
Die Strecke ist wirklich nicht ohne: Konditionell eine große Herausforderung, aber auch vom Weg her: Trittsicherheit ist hier die größte Voraussetzung - vor einigen Passagen habe ich wahnsinnigen Respekt: Wenn du nur einmal ausrutscht oder nicht aufpasst, bist du futsch. Kein Mensch der Welt würde solche Abstürze überleben. Ich hab etwas Schiss.
Ich kenne ja meinen Körper und mich ganz gut, aber Mamas Verfassung nicht. Das ist ein Faktor, der es etwas unruhig macht. Aber damit muss ICH lernen umzugehen. 
Endlich sind wir nach 5,5 Stunden völlig fertig und glücklich in der Kemptner Hütte angekommen. Erste Etappe geschafft - natürlich habe ich wieder etwas Pipi in den Augen.
Nach einem Radler (für mich) und einem alkoholfreien Weißbier für meine Mum geht's aufs Zimmer. Wir haben ein Mehrbettzimmer und schlafen beide unten. Wir duschen erst und gehen dann in die Stube essen. Es ist sooooo lecker, obwohl es eigentlich gar nicht so lecker ist, aber unsere körperliche Verfassung ist so am Arsch, dass einfach alles gut tut. Die Stube ist aufgeheizt von den ganzen Wanderern. Alle sehen zufrieden aus, jeder hat den Aufstieg geschafft 💪 Wir sprechen noch die Route für morgen durch: über neun Stunden sagt der Wanderführer. Wir überlegen, ob wir abkürzen - es soll ja ein Bus fahren. Zeitlich macht das für uns sicher Sinn, da wir nicht die schnellsten sind.
Nach zwei weiteren Radlern und ein Lumumba-Betthupferl für mich und Wasser für die Mutti geht's auch für uns ins Bett.
Was für ein Einstieg in dieses Abenteuer!

 

-> Bilanz Tag 1: Strecke 14,5km, davon 1.100m hoch & 60m runter

2. Etappe (16.06./ Kemptner Hütte -> Memminger Hütte)
Wecker war auf 6:45 Uhr gestellt, aber unser Zimmer ist schon um halb sechs am Werkeln. Die Nacht war zwar lang, aber irgendwie nicht das Wahre. Ich bin gegen zehn Uhr ins Bett gefallen, habe mir noch ein Hörbuch reingezogen (von dem ich nicht wirklich was mitbekommen habe) - nachts habe ich mich einige Male hin- und hergewälzt und bin an einem Brand fast gestorben.
Ich stehe leicht verquollen auf und mache mich ans Packen und Zähneputzen. Eigentlich geht alles recht gut - für so eine unruhige Nacht. Mama und ich verzichten aufs Frühstück und trinken nur Kaffee und Tee. Warum? Weil es in eineinhalb Stunden den angeblich besten Apfelstrudel weit und breit geben soll. Das ist doch keine Option, ohne Hunger dort anzukommen. Also LOS!
Erst gehts nochmal ein Stück nach oben - garch, aber bei dem wundervollen Sonnenaufgang einfach nur GEIL. Relativ schnell erreichen wir denn Grenzstein zwischen Deutschland und Österreich. Ein paar Fotos später sind wir schon bei der Roßgumpenalm und ziehen uns den besagten Apfelstrudel rein. Naja.... gut, aber ausbaufähig. Weiter gehts etwas ebener entlang eines Flußes. Ich höre Musik und könnte heulen vor Glück. Es ist so wunderschön hier. Wir begegnen ein paar Jungkühen - ich bin ja immer etwas ängstlich und versuche mich pseudi-professionell durch die Kuhcorpi zu drängeln. Mit "Gschhhhhh!" und "tzztzzztzzzz" befehle ich ihnen, auf die Seite zu gehen. Es funktioniert irgendwie. Ich bin schon echt dämlich.
Bald biegen wir nach dem Cafe Uta ab Richtung Hängebrücke. Diese erreichen wir auch bald. Mama ist starr vor Angst. Kein Wunder: Wir stehen vor Europas längster Hängebrücke mit 200 Metern in schwindelerregender Höhe von 100 Metern. Und: sie WACKELT! Mama kämpft. Sie sagt: "Wo treffen wir uns, wenn ich es nicht rüber schaffe?" - für mich keine Option. Ich sage: "Wir sehen uns drüben!" und tigere los. Anfangs filme ich meinen Übergang noch ganz mutig mit dem Handy. Dann kann ich echt schreien vor Angst. Der Boden der Hängebrücke besteht aus Gittern, die genau darüber stehend wirken, als sei der Boden "durchsichtig". Ich zittere, aber ich will es durchziehen. Deswegen rede ich mit mir selbst: "630 Leute könnten hier gleichzeitig draufstehen - dann wird es DICH auch noch aushalten." und "Los, das packst du! Es kann nichts passieren." Diese Sätze werden zu meinem Hängebrücken-Mantra. Hinter mit geht ein fokussierter Mann, der nicht mal lacht als ich ihn bemerke. Er will ebenfalls einfach nur ans andere Ende. Uns kommen viele ältere Menschen entgegen, die gefühlt nicht einmal mit der Wimper zucken. Alte Menschen sind schon echt krass. 
Endlich ANGEKOMMEN. Ich strahle über beide Ohren. Dann drehe ich mich um: Mama kommt! Sie hat sich tatsächlich überwunden. Ich filme und rufe: "Wuhuuuuu, gleich hast du es! SUPER!" Ich höre sie nur verzweifelt fluchen: "Bitte nicht wackeln." und "Bitte warten bis ich drüben bin." Das wäre bei der Frequenz ungefähr so, als würde ich auf der Hackerbrücke stehen und sagen: "Erst drauffahren, wenn ich drüben angekommen bin." ;-) Also nicht wirklich möglich. Als sie da ist, sieht man ihr förmlich an, wie stolz und erleichtert sie ist. Sie hat sich selbst motiviert, aus ihrer Komfortzone rauszukommen. Sie ist an ihre Grenzen und darüber hinausgegangen. Wahnsinnsleistung!
Dann geht es erstmal bergab nach Holzgau, von wo wir aus ein Stück mit dem Taxi überbrücken (wäre lange an der Landstraße entlang, das wollten wir uns sparen). Aber unsere Faulheit kostet auch 15€ pro Person!!!
An der Materialseilbahn der Memminger Hütte angkommen lesen wir, dass es "nur" zweieinhalb Stunden bis zu unserem Tagesziel sind. Wir könnten unser Gepäck abgeben. Für mich aber keine Option, da wir schon chauffiert wurden. Mama zieht mit und beschließt auch, dass Gepäck selbst zu tragen. Ein Fehler?
Anfangs habe ich ordentlich Speed, ich bin richtig in Fahrt. Doch dann holt mich das "schlechte" Gewissen ein: Warte doch mal auf Mama! Sie kommt. Völlig fertig. Gefühlt kurz vor einem Herzinfarkt. Mama sagt auch, dass ihr Puls gerade dauerhaft auf 140 ist, sie muss langsam machen. Ich soll nicht warten.
Okay, also weiter. Ich weiß, wie ätzend das Gefühl ist, der Schwächere zu sein. Ich weiß auch, dass ich dann kein Mitleid möchte. Deswegen ziehe ich weiter und warte nur bei schwierigen Passagen auf sie. Wir haben einen Rollentausch: Jetzt passe ich auf SIE auf. Mama ist wirklich krass. Sie kämpft schon zum zweiten Mal heute. Aber daran wächst sie. Und das weiß sie. Also weiter. Wir kommen auf eine Wiese mit Pferden und einem Wasserfall - einfach nur ein Traum. Wie kann es nur so etwas schönes auf dieser Welt geben und ich habe es noch nicht gesehen?
Auf der Pferdewiese warte ich auf einem Stein auf Mama. Ich könnte schon wieder flennen, so toll ist es hier. Mama kommt und nach einer kurzen Pause geht's weiter. Der Aufstieg ist wirklich steil und anspruchsvoll. Auch für mich ist er nicht ohne, aber ich schaffe ihn konditionell echt gut. Ich bin so ein Tier seit dem Megamarsch ;-)
Die ganze Zeit vertröste ich Mama auf den nächsten Berg und Hügel. "Nur noch die Steigung, dann sind wir sicher da." Aber irgendwie stimmt das nicht. Über Schneefelder wird weitergekraxelt. Dann endlich: die Memminger Hütte ist in Sicht. Das Panorama ist sowieso schon die ganze Zeit atmenberaubend (deswegen sind wir auch außer Puste). Auf dem letzten Stück zur Hütte sehen wir vier (!) Murmeltiere. Alle ganz nah und total menschengewohnt. Nach drei Stunden kommen wir an in der Memminger Hütte an. What a feeling! Wir checken ein und gönnen uns ein alkoholfreies Weißbier. 
Als wir von der Terasse aus nach unten sehen, entdecken wir Buchstaben auf der Wiese: "I Love XY" und Co. sind dort mit Steinen gelegt worden. Mir fällt ein, dass Robin und ich am 20.06.18 Fünfjähriges haben: DAS MUSS ICH MACHEN! Wenn ich schon nicht bei ihm sein kann. "Mama, du musst das fotografieren, ok?" OKAY! Ich ziehe los. Runter dauert es nicht lange, nach zehn Minuten bin ich unten angekommen und bin geschockt, wie groß diese Steine sind, mit denen die Buchstaben kreiert sind. Ich fange an zu sammeln. Das ist ja fast Crossfit! Steine schleppen und das im Eiltempo. Sondereinheit für heute! "Robin" ist mir gleich nach Legen des "R's" zu lang, deswegen wird es ein "R+B". Mama fotografiert von oben, dann tigere ich wieder zurück. Das dauert etwas länger wegen bergauf und so ;-) Als ich zurück bin, gehen wir auf's Zimmer. Jetzt wird geduscht. Ich habe schon so einen Bärenhunger. Um halb sieben gibts dann endlich was. Danach besprechen wir dann kurz die Route für morgen: Es wird hart - verdammt hart: 1.900 Meter nach UNTEN. Ich muss unbedingt meine Knie tapen - die tun mir bei bestimmten Bewegungsabläufen nämlich schon richtig weh. Aber das Ziel morgen ist Zams, ein Dorf, Zivilisation, Menschen, eine Pension. Ich freue mich jetzt schon drauf.

 

-> Bilanz Tag 2: Strecke 11,2km, davon 1.420m hoch & 1.050m runter

3. Etappe (17.06./Memminger Hütte -> Zams)
Um sechs Uhr stehen wir auf. Gut geschlafen habe ich wieder nicht. Meine Mum hat mich nachts mit dem Hinweis "Du schnarchst" kurz geweckt - aber das war nicht der Grund, warum ich schlecht geschlafen habe. Wir waren wieder in einem Vier-Bett-Zimmer mit zwei anderen Frauen. Aber die können auch nichts für meine schlechte Schlafqualität. Naja, dann laufe ich halt mit dicken Aufenringen los - für die Fotos wird es der Filter schon richten ;-)
Nach zwei Kaffees (für mich) gehts los. Der erste Aufstieg von 400 Metern führt auf einem Schnee-Geröllfeld entlang. Das Ziel - die Seescharte - scheint unerreichbar. Wie sollen da Menschen hoch? Aber es geht. Wir sehen ja die vielen Wanderer. Mama pumpt zwar, aber nicht so krass wie gestern. Sie schiebt es auf die Morgenkühle. Wir wandern vorbei an zwei Seewieseen (wtf ist das für ein Name? Ich komme gar nicht darauf klar.)
Die Seescharte ist eigentlich nur eine "Ritze", durch die man in eine neue Bergwelt gelangt. Aber das Gefühl ist als würde man eine neue Welt betreten. Auf der einen Seite Schatten, in der neuen Welt strahlende Sonne. Es ist ein so überraschendes und erleuchtendes Erlebnis. Der Weg, der nun folgt, ist beschwerlich. Über Geröll vom feinsten geht es bergab. Ich glaube, es giebt niemanden, den es nicht hingelegt hat. Anfangs gehen Mama und ich noch zusammen. Wir sind mit gefühlt 50 Leuten unterwegs. An einigen "Engstellen" warten wir sogar. Was für Menschenmassen werden das wohl im Juli/August sein?! Das macht keinen Spaß. Ich mache mit Mama aus, dass ich vorgehe und nur bei schwierigen Stellen oder Weggabelungen auf sie warte. Gesagt, getan.
Nach 800 Höhenmeter warte ich auf sie. Etwas angeschlagen und mit Dreckspritzern im Gesicht kommt sie an. "Was ist passiert?" will ich entsetzt wissen. "Ich bin ausgerutscht und etwas geschlittert. Alles okay. Ich habe mich wieder hochziehen können." Irgendwie klingt es harmlos wenn sie das sagt. Aber als mich der Bergführer einer anderen Gruppe ebenfalls ermahnt, mehr auf meine Mutter aufzupassen, fühle ich mich nicht mehr so easy. Sie hätte leicht in den Latschen verschwinden können und keiner hätte es gemerkt, ermahnt er mich. Ich nehme mir vor, mehr auf sie zu achten. Obwohl das eigentlich genau der Grund war, warum ich alleine gehen wollte. Ich wollte nur für mich verantwortlich sein. Aber die Situation ist nun mal anders und ich habe mich bewusst dafür entschieden. Also muss ich auch mit der "Verantwortung" leben. Mama hat das auch 18 Jahre machen müssen ;-)
Die nächsten 1.000 Höhenmeter bergab sind die Hölle: die Fußsohlen brennen, die Passagen werden immer grenzwertiger. Ich bewerte einige der Abgründe nach "Sterbepotenzial": also wie wahrscheinlich ist es, dass ich einen Absturz bei dem oder dem Abgrund überlebe? In meiner Potenzialberechnung sterbe ich bei fast allen. So krass sind sie. Wie viele Unfälle es wohl jährlich auf diesem Abschnitt des E5 gibt? Haben die Zamser (Einwohner von Zams) einen eigenen Friedhof für E5-Abstürze? Solche Gedanken schwirren mir die ganze Zeit durch den Kopf. Da wird man echt verrückt. Wegen diesen Gedanken warte ich bei besonders schwierigen Abschnitten auf Mama. Sie meistert alles prima. Nur am Ende schwinden bei uns beiden immer mehr die Kräfte. Nach zig Pausen sind wir nach über neun Stunden wieder auf ebenem Boden angekommen. Wir sind kaputt, haben aber noch genug Kraft zu quatschen, sodass wir meinen Freund und meinen Dad anrufen. Wir reden nur Blödsinn - der Bergwahnsinn eben. Es sind es nur noch ein paar hundert Meter bis zur Unterkunft, einer Pension. Die bewältigen wir auch noch. 
Zur Begrüßung gibt es eine Hollunderschorle. Wir haben ein eigenes Zimmer mit eigenem Bett und eigenem Bad und eigener Privatsphäre ;-) Es ist Luxus pur! Wir können sogar unsere Wäsche per Hand waschen und aufhängen. Ach ja: und gutes Internet gibt es auch. Yeeeeeeah!
Abends gehen wir in ein Hotelrestaurant essen. Ich gönne mir zwei Weißweinschorlen und ein paar Ballaststoffe in Form eines Salats - sowas gibts nämlich auf fast keiner Hütte.
Mama und ich gehen so früh ins Bett, da ist es sogar noch hell. Wir witzeln noch ein bisschen herum und schlafen dann irgendwann gegen zehn Uhr ein. 
Was für ein Tag voller Anstrengung, Grenzen überwinden - und: ersten Anzeichen von BLASEN. Oh nein, ich dachte dieses Mal bleibe ich verschont.

 

-> Bilanz Tag 3: Strecke 13,9km, davon 390m hoch & 1.850m runter

4. Etappe (18.06./ Zams -> Braunschweiger Hütte)
Guten Morgen liebe Oberschenkel und Knie, seid ihr auch schon alle wach? Ohhhhh jaaaaa, und wie! Als ich mich bewege spüre ich meine Gliedmaßen. Zwar nicht so schlimm wie gestern, aber ich spüre immer noch viel. Bei unserem Übernachtungspreis von 26€ pro Person ist auch ein Bombenfrühstück dabei, das wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Die Wirtin der Pension ist um die 70 und erzählt uns Geschichten aus ihrem Beruf. Sie nimmt meiner Vermutung der E5-Tode sogleich den Wind aus den Segeln. Da passiert nicht so viel. Den Rest des Frühstücks dürfen wir sogar einpacken und mitnehmen.
Unsere Planung für den heutigen Tag ändern sich gerade minütlich. Gestern Abend haben wir noch gesagt, dass wir von Zams direkt mit dem Bus nach Mittelberg fahren und dann "nur" die 1.000 Meter hoch gehen. Dann überzeugt uns die Wirtin, dass es auf dem Venet (Berg) so wunderschön sein soll. Ahhhhhh! Aber die Tour heute hat es schon in sich: Erst etwas hoch, dann wieder ewig runter. Wir sind noch geschwächt von gestern. Mama ist angefixt: "Ja, dann lass uns die große Runde machen." Ich nehme sie mir zur Brust (Rollentausch!): "Mama!!! Ich verstehe, dass du jetzt richtig Bock hast, aber darf ich dich an gestern erinnern? Du hattest am Ende wirklich kaum noch Kraft! Wenn dir etwas passiert, denke auch daran, was das für Konsequenzen für MICH hat. Ich muss die Bergwacht rufen." Sie ist einsichtig. Wir lassen uns überreden, wenigstens die Panoramatour zu gehen - also entlang des Venet ohne Gipfel. Die Gondel um acht Uhr schaffen wir jetzt auch nicht mehr vor lauter Verquatschen. Wir packen uns zam und gehen Richtung Gondelstation. Es wird dann die Gondel um halb neun für uns. Wir treffen glücklicherweise noch andere bekannte Gesichter. Und zwar die mit Hund. Vivian, der Bernasennenhund ist wunderschön und richtig fit. "Nur bei Fliegen wird sie aggressiv.", meint der Besitzer. 
Wir kommen an und gehen direkt los. Das Tempo ist gut. Da ich heute nur noch zwei, statt drei Litern Wasser dabei habe, sind mir Pausen bei Einkehrmöglichkeiten sehr wichtig. Das kostet natürlich Zeit, die wir eigentlich nicht haben. Dazu kommt, dass wir uns wegen mir auch noch verlaufen. Arrrrrghhhhh! Ich bin so ein Esel. Aber gut.
Ich bin richtig pissig, motze meine Mama an. Finde die Stadt Wenns (wo wir hin müssen) richtig scheiße. Ich verfluchte alle Einwohner dieser Stadt inkl. Nachkommen.
Endlich nach über vier Stunden kommen wir an der Bushaltestelle an. In zehn Minuten fährt der Bus. Menno, jetzt können wir nicht mal mehr was zu trinken kaufen😑
Der Bus kommt pünktlich um 13:10 Uhr und... ist knacke voll mit Schülern 😭 die uns unsere wertvollen Plätze wegnehmen. Am Anfang müssen wir stehen, aber nach und nach steigen die Monster aus und wir können etwas entspannen.
Die Fahrt dauert eine Stunde. Ich unterhalte mich mit einer anderen E5-lerin. Weniger über den Weg als über unseren Werdegang. Etwas oberflächlich, aber angenehm.
Nach einer Stunde kommen wir in Mittelberg an. Wir laufen auch hier direkt los und sind in 30 Minuten an der Gletscherstube, der letzten Einkehrmöglichkeit vor der Braunschweiger Hütte. Dort haue ich mir einen geilen Kaiserschmarrn rein, den ich noch bereuen werde. Dann tigern wir los. Wir sind gefühlt die letzten. Aber ich weiß: Ich muss mich freimachen von diesem Denken des "schneller, weiter, höher". Also, Fräulein, Konzentration auf den vor die liegenden Weg!
Das Wetter ist nieselig und neblich. Aussicht ist nicht wirklich vorhanden. Aber egal, wir müssen da jetzt hoch. Der Weg geht an einem Gletscherwasserfall entlang, das ist schon spektakulär. Stahlseile und Steigbügel begegnen uns regelmäßig. Mama hat ihr Gepäck in der Materialseilbahn gelassen. Wir haben nur das nötigste dabei. Es läuft sich gut so unbeschwert. Wir holen sogar eine Wandergruppe ein. Aber wir bleiben hinter ihnen, sonst setzt uns das zu sehr unter Druck. Der Weg besteht nur noch aus Steinen, die aufgrund der Nässe zu gefährlichen Schlitterpartien werden. Auf dem Weg nach oben sehe ich zum ersten Mal einen Gletscher live und in echt. Er ist... klein und schon sehr geschmolzen. Man kann die Schichten erkennen. Wahnsinn! Aber auch traurig, wie wenig noch davon übrig ist 😕
Nach nur ca. 2,5 Stunden kommen wir an der Braunschweiger Hütte an. Wir sind durchgenässt und freuen uns auf eine heiße Dusche. Die drei vorhandenen sind belegt. Irgendwann ist nur noch eine einsatzbereit, die anderen sind kaputt. Aber wir schaffen es irgendwie zu duschen.
Völlig fertig, aber zufrieden sitzen wir dann in der Gaststube. Ich bechere mir drei Weißweinschorlen rein, Mama bleibt clean.
Wir bekommen mit, dass einige Passagen des morgigen Weges gesperrt sind, sodass wir auf Alternativen ausweichen müssen. Unsere Alternative heißt "Bus"😅
Heute haben sich zwei Blasen angemeldet, die Potential haben, richtig fies zu werden. 
Um 22 Uhr liegen wir ihm Bett, zum (für Mama) ersten Mal im Lager. Morgen wird etwas entspannter - hoffentlich.

 

-> Bilanz Tag 4: Strecke 18m, davon 1.300m hoch & 1.400m runter

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