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Megamarsch 2018 - Erfahrungsbericht

"Ego-Knick hoch drei" fasst meine Erfahrungen beim Megamarsch München 2018 am besten zusammen. 

Aber der Reihe nach:


Am Samstag, den 12.05. stand ich ganz normal gegen sieben Uhr morgens auf, machte meine Dehnübungen, ging noch kurz einkaufen und frühstückte anschließend. Alles eigentlich wie immer - außer, dass ich mega aufgeregt war (muss ja auch MEGA sein beim MEGAMARSCH).

Um 13 Uhr machte ich mich dann auf den Weg zur Menterschwaige, dem Startpunkt des Megamarsches. Um kurz nach 14 Uhr traf ich dort erst Ivana und dann Pascal. Wir suchten uns einen schattigen Platz in der Wiese, um nochmal zu entspannen. Die Stimmung war super, das Wetter fantastisch.

Ivanas Zustand war nicht so Bombe: Seit dem Tag zuvor hatte sie fiese Halsschmerzen und Kopfweh - nachts zuvor dann Schüttelfrost und Fieber. Keine guten Voraussetzungen, aber sie wollte es wenigstens versuchen und an den Start gehen. Hut ab!

Zur Motivation hatten wir vorab eine WhatsApp Gruppe mit Arbeitskollegen und meinem Freund gegründet, in der wir fleißig dokumentieren wollten.

Wir gingen also an den Start und marschierten um 16:40 Uhr los. Es war der Wahnsinn: 2.000 Leute in kleinen Grüppchen. Fast schon ätzend diese Massenveranstaltung. Die Leute zogen ein Tempo an, das war nicht mehr normal. Ich hatte ein richtig übles Gefühl, weil ich so langsam war (Pace anfangs von sechs!) bzw. weil ich mir in der Menschenmenge einfach langsam vorkam.

Ivana und ich nahmen uns aber vor, nicht wie verrückt mithalten zu wollen, sondern unser eigenes, trainiertes Tempo zu gehen. Das klappte dann ganz gut.

Relativ schnell verabschiedete sich Pascal, der einfach noch einen Zahn schneller unterwegs war. Das war für uns okay, denn im Endeffekt geht den Marsch jeder für sich.

Nach fast 24km gab es die erste VPS (Verpflegungsstation), die wir nach 4,75 Stunden erreichten. Dort trafen wir auch Pascal. Die Dunkelheit war schon eingebrochen, sodass wir uns für die Nacht rüsteten (Stirnlampe, warme Klamotten).

Ivana entschied an dieser Stelle für sich auszusteigen. Ihr gesundheitlicher Zustand war zu angeschlagen. Das hätte im Ernstfall aufs Herz gehen können. Somit war es die einzig richtige Entscheidung. Wir verabschiedeten uns bedrückt und Pascal und ich zogen nach für mich nur 15 Minuten Pause weiter. Pascal erbarmte sich meiner, in der Nacht zusammen zu gehen. Besonders redselig ist er ja von Haus aus nicht, sodass ich den Großteil der Konversation übernahm. Der Arme😅 Irgendwann konnte ich mich dann selbst nicht mehr reden hören, steckte mir Kopfhörer in die Ohren und hörte Musik. Das ging dann wirklich sehr gut! Und schwupsdiwups waren wir an der zweiten VPS bei Kilometer 37 gegen ein Uhr nachts. Hier wollten wir eine längere Pause von ca. 30 Minuten machen. Wir legten die Füße hoch, dehnten uns. Für Pascal gab es Gewürzgurken 🤣 Nachdem wir hörten, dass die VPS bald zumacht, war ich etwas verunsichert. Wir lagen doch noch prima in der Zeit oder? Ein komisches Gefühl machte sich breit. Vor allem, weil die nächste VPS erst bei 67km lag. Dazwischen sollte es eine Wasserstation geben. Also zogen wir weiter. Ich versuchte, die Zeit mit Spielen zu überbrücken, aber Pascal sprang da nicht wirklich drauf an😅

Ich brauchte immer öfter eine Pause, sodass ich Pascal ausbremste.

Zudem hatte ich schon ordentlich Ibus getankt, die mir auf den Magen schlugen. Die Überdosis Magnesium brauche ich wohl nicht weiter zu erwähnen (kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken und so😑).

Bei der vorhergesagten Wasserstation gab es kein Wasser mehr, wir waren schlichtweg zu spät dran - zum Glück hatte ich noch genug Wasser, aber trotzdem war das für viele sicher ein K.O.-Kriterium.

Ich bat Pascal ab dieser Station ohne mich weiterzugehen. Man sah ihm den Kampf zwischen "schlechtem Gewissen" und "lass mich laufen" förmlich an. "Los! Ab mit dir!" Wir verabschiedeten uns genau zur Halbzeit (05:40 Uhr) bei 50km kurz vor Sonnenaufgang und ich leidete noch ca. fünf Minuten alleine vor mich hin.

Das konnte es doch jetzt echt nicht sein, oder? Scheiße! Fuck! Kämpfen! Auf geht's!

Ich stiefelte weiter.

Die Sonne ging AUF, ich ging immer mehr UNTER. Wo war nur der bekannte Push beim Sonnenaufgang? Ich ging mit einer gefühlten Geschwindigkeit von drei km/h. Ich wurde überholt, bemitleidet, ignoriert. Jeder hatte hier einfach seinen eigenen Kampf zu kämpfen.

Ich kam nach Bichl, von wo aus Ivana und ich erst vor zwei Wochen zurück nach München gefahren sind. Sollte ich das jetzt auch tun?

Ahhhhhh! Nein, bissl ging noch.

Weiter nach Benediktbeuern. Nach Benediktbeuern kam dann der Push: Ich hatte Musik in den Ohren und stellte mir vor, wie ich am Ziel ankomme. Geil! Ich heulte, ich lachte, ich sang, ich schrie sogar einmal laut ins Tal! Wie eine Verrückte trieb es mich über Stock und Stein. Dabei überholte ich einige verwirrte Megamarschler.

Runter nach Kochel lief es wie am Schnürchen. Kurz hatte ich sogar die Hoffnung, ich könnte Pascal noch einholen. Aber der war einfach noch schneller unterwegs.

In Kochel setzte ich mich erst einmal bei der dritten VPS gegen acht Uhr hin und lauschte den Mitstreitern: Viele hatten hier nach 67km aufgehört. Die Stimmung war gelassen, heiter und fröhlich. Ich kam mit einigen ins Gespräch. Sie sprachen mir ihren Respekt aus, dass ich noch weitergehen wollte. "Alle, die jetzt weitergehen, sind Helden." Dieser Satz tat und tut immer noch so gut. Ich füllte meinen Trinkbeutel auf, sortierte überflüssiges Gepäck aus, zog mir eine "Line" Iboprofen & weiter ging's!

Die Motivation war weiterhin groß.

Die WhatsApp Gruppe war seit der Trennung von Pascal meine einzige Motivationsquelle geworden. Ich schrieb jeden Scheiß da rein, der mir in den Sinn kam. Die Gruppe war einfach der Hammer. Sie litt mit, sie motivierte. Parallel schrieben mir viele Leute privat Nachrichten, in denen sie mir Glück wünschten, mir ihren Respekt und ihr Mitleid aussprachen. Ich war so gerührt, ich habe sicher eine halbe Stunde durchgeheult.

Pascal schrieb irgendwann, dass ich die Steigung am Kesselberg locker schaffen würde. Das tat gut! Und schwupsdiwups war ich oben. Dort bat sich mir ein fantastischer Ausblick auf den wunderschönen türkisfarbenen Walchensee. Geil! Wieder was geschafft. Meine Füße waren schwer, der Mund trocken, das Café am See mit dem kühlen alkoholfreien Weißbier und dem Käsekuchen so verlockend (haha, das reimt sich), dass ich eine Pause machte. Vielleicht hatte ich da schon aufgegeben, ich weiß es nicht. Aber ab da ging es einfach irgendwie nicht mehr. Ich schaute mir immer wieder die Strecke auf Komoot an und schüttelte nur den Kopf:

Jetzt müsste ich richtig Gas geben, um rechtzeitig bis 17 Uhr nach Mittenwald zu kommen. Noch 30km lagen jetzt um elf Uhr vor mir. Das wäre eine Pace von fünf. Im  Training normal. Aber jetzt? Ich stiefelte los.

Jetzt wurde es hart. Ich rief meinen Freund bei 76km heulend an. Ich heulte die WhatsApp Gruppe zu. Mein Kollege Niko, der in der Nähe war, rief mich an: "Becci, wo bist du? Ich hole dich." Er kam, ich heulte. (Ich glaube auch, dass ich meinen Salzhaushalt nur durchs Heulen durcheinander gebracht habe😭)

Er motivierte mich, nahm mir Gepäck ab, empfahl mir, mich erst auszuruhen und dann weiterzugehen, sagte mir, dass ich echt gut aussah für meinen Zustand (genaaaaauuuu!).

Okay, ein bissl musste noch gehen. Ich rief aber trotzdem vorsichtshalber meinen Freund an, der mich mit meinen Eltern abholen durfte: "Fahrt ruhig schon mal los Richtung Mittenwald. Im Notfall gabelt ihr mich auf dem Weg auf."

Ivana litt per WhatsApp mit mir mit und bat mir sogar an, zu kommen und mit mir die letzten 20km zu gehen. Die verrückte Nudel! Ich lehnte dankend ab. Mein Kopf wusste es irgendwie schon....

Weiter ging's.... Genau EINEN Kilometer 🤣 ich setzte mich einfach auf eine Bank und beendete den Marsch für mich. Mein Geist war zu schwach, mein Körper hätte es sicher noch gepackt. Bei 77km drückte ich bei Komoot auf STOPP - natürlich heulend, wie es sich für mich gehört😭

Der Abholservice kam, nahm mich voller Stolz in den Arm, packte mich ins Auto und wir fuhren nach Mittenwald. Als wir die Strecke mit dem Auto abfuhren, wurde mir klar: "Das hättest du einfach nicht mehr geschafft! Nicht heute!" Es war kurz OK - bis wir in Mittenwald beim Ziel ankamen😭😭😭 ist schon mal jemand am eigenen Heulen ertrunken? Ich wäre ein geeigneter Kandidat.

Dann kam der Countdown für Pascal. Wir waren und sind alle so stolz auf ihn. Wie er da ankam, so kaputt und so glücklich. Eine Wahnsinnsleistung! Er hat es so verdient. Auch wenn diese Erdinger-Mütze so bescheuert aussah😜 Die WhatsApp Gruppe fieberte mit, beglückwünschte uns alle.

Meine Eltern luden uns dann zum Essen ein, wir stießen auf die 77km an. Noch auf der Rückfahrt schlief ich kurz ein - wie früher😊

Wir kamen heim, ich zog nur die Hose aus und fiel mit meinen Socken und Blasen um halb sechs Uhr abends ins Bett (da wäre ich immer noch unterwegs gewesen, wenn ich die 100km vollmachen hätte wollen😁). Aufgewacht bin ich dann mit Wecker um sechs Uhr morgens.

Fazit: Es war bis jetzt die krasseste sportliche Erfahrung meines Lebens. So viele Emotionen, Selbstzweifel und Motivationsschübe innerhalb von 24 Stunden hatte ich noch nie. Das war wie eine Pubertät im Schnelldurchlauf. Es wurmt mich wahnsinnig, dass ich die 100km nicht geschafft habe. Es heißt ja immer "der stärkste Muskel ist dein Wille", aber der hat mich leider nicht durchgebracht. 77km sind eine Top-Leistung, aber es sind nun mal keine 100. Ich werde nun Wunden lecken und dann die 100 beim nächsten Mal anstreben.


Danke an Ivana und Pascal für diese Megaerfahrung, für das Training davor, für unseren Chat, unsere Insider und dafür, dass ihr mich nicht geköpft habt, als ich euch angemeldet habe.


Danke an das krasseste Motivationsteam, das mich weiter gebracht hat, als ich je gekommen wäre.


Danke an meinen Mann, der seit fünf Monaten am Wochenende oft auf mich verzichten musste, weil ich immer trainieren war. Ich lieb dich stark!


Danke an mich, dass ich so verrückt bin, den Scheiß überhaupt probiert zu haben!