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Beispiel einer Essstörung & Aufklärung

Diesen Artikel widme ich einer wundervollen Frau, die sich leider in einem Teufelskreis einer Essstörung befindet, den ich glücklicherweise geschafft habe, zu überwinden. Ich hoffe, ich kann ihr und vielen anderen damit helfen.

 

Ausgangslage ist "ich finde Körperteile X an mir zu dick". Maßnahmen der Person zur Bekämpfung dieses "Problems" sind nun die radikale Reduktion der Nahrungszufuhr und extremer. einseitiger Sport.

 

Als ich das höre werde ich leicht aggressiv:  Wie kann man nur so von den eigenen Körperfunktionen denken? Wie kann so wenig Wissen den Körper regelrecht kaputt machen?  Warum macht sie es sich so schwer? Sie hat doch einen tollen Körper!

 

Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass die Person eine wunderschöne junge Frau Anfang zwanzig ist. Sie ist schlank und hat eine tolle Ausstrahlung. Von außen gibt es überhaupt keinen Grund, abzunehmen. Sie wird von der Öffentlichkeit für ihre Diäten eher belächelt.

 

Ich beschließe, einen Artikel zu schreiben, um aufzuklären. Vorweg: Therapieren kann ich dadurch nicht. Aber vielleicht Verständnis schaffen. Der Artikel ist wie folgt aufgebaut:

 

 1. Isolierte Betrachtung eines Körperteils

 2. Radikale Kalorienreduktion

 3. Gleichzeitiger Sport

 4. Waage & Spiegelbild

 5. Belastung für Beziehung & Familie

 6. Physische & psychische Langzeitfolgen für den Körper

 7. Was mir geholfen hat

 

Der folgende Text versucht an dem vorliegenden Beispiel für das Thema "Esstörung" zu sensibilisieren. Er ist nicht wissenschaftlich, sondern praxisorientiert und spiegelt ganz alleine meine Erfahrung und Meinung dazu.

1. Isolierte Betrachtung eines Körperteils

Einen oder mehrere Körperteile an sich nicht zu mögen (=Problemzonen), ist völlig normal. Das haben fast alle Frauen. Es gibt meines Wissens nach KEINE Frau, die alles an sie OK findet. Schade eigentlich. Aber so ist das nun mal. Liegt vielleicht am Perfektionismus, dem vor allem Frauen immer wieder unterliegen.

Um es aber an der Stelle auch ein für alle Mal klarzustellen: Es ist NICHT möglich, gezielt an einer Körperstelle zu- oder abzunehmen. (an dieser Stelle bitte ich um eine Schweigeminute für all die Brüste, die bei Diäten verloren gingen) Es ist einfach NICHT möglich. Der Körper sucht sich seinen eigenen Fettabbau-Weg. Bei den meisten fängt er im Gesicht und an den Brüsten an. Dann folgen der Hintern, die Arme, Beine und der Bauch. Abweichungen bestätigen die Regeln.

Das Fett ist ja per se nichts schlechtes: Aus Urzeiten hat sich unser Körper gemerkt, dass er sich all die überschüssigen Kalorien, die er im Moment nicht braucht, für schlechte Zeiten "einlagert". Wo er das genau macht, entscheidet er.

Es bringt nichts, stundenlang isolierte Übungen an genau der Körperstelle zu machen, an der das Fett verschwinden soll. Besser ist es ganzheitliche bzw. komplexe Übungen (= Verbundübungen) zu absolvieren. Das sind Übungen, die vor allem die größeren Muskelpartien und/oder mehrere  Muskelgruppen gleichzeitig beanspruchen. Denn: Wer Muskeln aufbaut, verbrennt mehr Fett - und das teilweise sogar im Ruhezustand.

2.  Radikale Kalorienreduktion

Unter einer radikalen Kalorienreduktion verstehe ich hier eine so reduzierte Kalorienaufnahme, die nicht mehr gesund ist. 

Wie in diesem Artikel bereits erklärt gibt es den Grundumsatz und den Leistungsumsatz, aus dem unser täglicher Kalorienbedarf besteht. Der Grundumsatz ist der Verbrauch, den dein Körper ohne jegliche Bewegung umsetzt. Kurz gesagt: Wenn du den ganzen Tag ohne jegliche körperliche Betätigung auf der Couch liegst und nichts machst. Der Körper verbraucht an sich Kalorien, um dich am Leben zu halten: Atmen, Herzschlag, Verdauung usw. Der tägliche Grundumsatz liegt bei den meisten "normalen" Menschen zwischen 1.000 und 1.500 kcal. Den Grundumsatz kannst du dir durch Radikaldiäten kaputt machen, wenn du langfristig darunter liegst. Denn: Der Körper lernt, auch mit weniger als den 1.000 bis 1.500 kcal überleben zu können und fährt nach unten. Das heißt, du musst immer weniger essen, um ein Defizit zu erreichen. Fatal! Denn der Körper wird nach und nach auch seine normalne Funktionen einstellen. Es kommt zu Mangelerscheinungen. Der Körper schreit quasi um Hilfe. Dies äußert sich in Schwindel, Abgeschlagenheit, Antriebslosigkeit usw. Ganz zu schweigen von den psychischen Folgen wie z.B.  Frustration, weil es auf der Waage nicht weiter nach unten geht.

Zu dem Grundumsatz kommt der Leistungsumsatz. Dieser wird dadurch bestimmt, wie viel du dich bewegst: Arbeit, Sport, Einkaufen, Aufräumen usw.

Wie hängen nun der Grund- und der Leistungsumsatz zusammen? Der Grundumsatz und der Leistungsumsatz addiert ergeben deinen täglichen Kalorienbedarf. Den Grundumsatz kannst du wie oben erwähnt durch eine Radikaldiät zerstören, durch Muskelaufbau aber wieder "heilen" und sogar noch erhöhen. Denn: Mehr Muskeln verbrauchen mehr Kalorien - auch im Ruhezustand. Wenn du dich nun auch noch sportlich betätigst, verbrennst du zusätzlich Kalorien, die du dir genüsslich zusätzlich genehmigen kannst. Natürlich darf man diese Kalorien nicht überschätzen. Aber eben auch nicht unterschätzen.

Wieso baut dann nicht jede Frau einfach Muskeln auf? Weil damit ein Kalorienüberschuss und somit eine Gewichtszunahme verbunden ist, denn: Muskeln wiegen mehr als Fett (auch wenn sie besser und definierter aussehen). Das bedeutet für die Person erst einmal ein Plus auf der Waage. Das ist für viele Frauen der Horror! Und hier ist der Punkt, an dem sich deine Einstellung zur Waage ändern muss! Dazu gleich mehr.

3. Gleichzeitiger Sport

Gehen wir weiter von einem erheblichen Kaloriendefizit aus verbunden mit einem erhöhten Pensum an Sport. Der Körper wird von immer mehr Mangelerscheinungen geplagt, da er die zusätzlich benötigten Nährstoffe ebenfalls nicht bekommt. Der Körper greift nun nach und nach auf Muskelmasse zurück, denn: Muskeln bestehen aus Proteinen (=Nährstoffe). Du nimmst zwar weiter ab, aber das Fatale daran: Es handelt sich dabei nicht um Körperfett, sondern um wertvolle Muskeln. Also der Motor, der für den tollen Kalorienverbrauch auch im Ruhezustand zuständig ist. Der Grundumsatz sinkt weiter. Du musst noch weniger essen, um nicht zuzunehmen. Du merkst: Wir befinden uns in einem Teufelskreis.

Der Körper funktioniert nicht so: Essen rein und alles landet sofort auf den Hüften. Was wäre das für eine Evolution? Für was hätte es so viele Vorfahren des Homo sapiens gegeben, wenn die Evolution (btw: übersetzt heißt das "Entwicklung") nichts gelernt hätte. Dein Körper ist eine komplexe Maschinerie, die sehr viele Variablen aufweist. Sehe deinen Körper nicht zu einseitig und vor allem niemals als deinen Feind. An dieser Maschinerie sind so viele Stoffwechselvorgänge, Hormone usw. beteiligt, die die Natur im Laufe der Evolution so eingestellt hat, dass du möglichst effizient funktionierst. Wenn du nun versuchst, diese über Jahrmillionen geschaffenen Abläufe zu "manipulieren", kannst du nur verlieren. Nutze die Evolution - arbeite nicht dagegen.

4. Waage & Spiegelbild

Um das Thema Gewicht aus Punkt 2 aufzugreifen: Verabschiede dich von der Anzeige der Waage. Sie sagt (fast) nichts aus! Gerade als Frau hast du zyklusbedingt Wassereinlagerungen, die automatisch ein Plus auf der Waage bedeuten. Das ist kein Fett! 

Das Spiegelbild zeigt dir viel mehr. Vielleicht kennst du den Ausdruck "skinny fat": Das bezeichnet den Körper von an sich schlanken, sprich nicht übergewichtigen, Menschen, die aber null definiert sind. Diese Menschen haben eigentlich Normalgewicht, allerdings haben sie kaum Muskeln.

Verlasse dich beim Abnehmen in aller erster Linie auf dein Spiegelbild und das Maßband. Muskeln wiegen mehr als Fett! Um mehr Muskeln aufzubauen, musst du erst einmal zunehmen, um hinterher mehr Kalorien zu verbrennen. Es ist unmöglich, gleichzeitig Fett abzunehmen und Muskeln aufzubauen. Da würden körpereigene Hormone gegeneinander arbeiten.

5. Belastung für Beziehung & Familie

Essstörungen sind immer noch ein großes Tabuthema unserer Gesellschaft. Jeder kennt irgendwie irgendwen, der so etwas schon mal hatte oder hat. Trotzdem wird sehr verhalten darüber gesprochen. Teilweise wird es sogar abgetan als "Phase" oder "Sprung in der Schüssel". Das ist m.E. falsch. Wenn wir nicht drüber sprechen, können wir die Menschen, die darunter leiden, auch nicht aufklären.

Sicher ist es kein angenehmes Thema, aber Ignoranz ist auch keine Lösung.

Essgestörte Menschen sehen oft sich allein als Opfer des Teufelskreises, dabei sind ihre Partner und Familien sehr oft ebenfalls davon betroffen. Minutiöses Kalorientracking, dauerndes Erfragen der Nährwerte und ein eingeschränktes Sozialleben können Beziehungen sehr belasten und sogar zerstören. Wenn Essengehen plötzlich zum Übel wird, weil jedes Gericht kalorientechnisch in Frage gestellt wird - kann unter solchen Umständen eine Beziehung dann noch "normal" funktionieren?

Nicht nur der Partner leidet darunter, auch die Familie, die mehr oder weniger hilflos zusieht, wie sich das Kind herunterhungert.

Aus Selbstschutz entwickeln die Angehörigen dann eine Form der Ignoranz: Sie versuchen die Person in Ruhe zu lassen. Und damit wären wir wieder beim Tabuthema. Deswegen bin ich dafür, darüber zu sprechen, sogar darüber zu streiten.

Bitte tut das euren Partnern und Familien nicht an!

6. Physische & psychische Langzeitfolgen für den Körper

Und nicht nur euren Lieben schadet ihr mit eurer Essstörung - euch selbst natürlich am meisten!

Wie oben erwähnt ist der Körper ein komplexer Apparat mit vielen Variablen. Du enthältst deinem Körper wichtige Nährstoffe vor, der dein Überleben sichert. Ganz krass gesagt: Was bringt dir ein schlanker Körper, wenn du tot bist?

Nahezu jeder Prozess in deinem Körper wird auf Sparflamme gedrosselt: dein Herzschlag, deine Verdauung, deine Gehirnleistung - der Körper denkt nur noch ans Überleben und fährt alles andere zurück. Die Antriebslosigkeit kommt da nicht von ungefähr: Je weniger du dich bewegst, desto weniger Kalorien verbrauchst du.

Hinzu kommen die psychischen Folgen: Du hast gefühlt dauernd Hunger, denkst aber, du darfst nichts essen. Dieser Hintergedanke verfolgt dich den ganzen Tag. Nur, wenn du möglichst wenig isst, war der Tag erfolgreich. Dann bist du glücklich - bis zum nächsten Morgen, wenn der Kampf erneut beginnt, den du nur verlieren kannst.

Wenn du einmal über die Stränge schlägst, überlegst du fieberhaft, wie du das wieder ausgleichen kannst. Nahezu alles dreht sich in deinem Leben um Essen - oder eben nicht essen.

Hör auf! Mach dich nicht kaputt. Wir leben nur einmal. Von einer "normalen" Ernährung wirst du NICHT dick. Von keiner Ernährung machst du dich nur kaputt.

Der Punkt, das für sich einzusehen, lässt oft lange auf sich warten. Bei mir hat es sicher über zehn Jahre gedauert und ich lerne immer wieder Neues.

Hole dir professionelle Unterstützung von einem Therapeuten, wenn du es nicht alleine schaffst. Das ist keine Schande. Eine Essstörung ist in der Evolution nicht vorgesehen, dann kannst du auch Wege gehen, die anders sind. Befreie dich von dem zwanghaften Drang nach Schlankheit. Die Unzufriedenheit liegt tiefer. 

Du bist in dem Moment essgestört, in dem du zwanghaft über alles, was du isst, nachdenkst. Ich bin es leider auch. Zwar habe ich meine Phasen, in denen es besser und schlechter läuft, aber ich habe eine Essstörung. Nimm deine Diagnose ernst und verharmlose nichts, nur weil es vielleicht im Freundeskreis "normal" ist.

7. Was hat mir geholfen, mich zu akzeptieren, wie ich bin?
Auch ich war lange in diesem Teufelskreis von immer weniger essen gefangen. Folgendes hat mir persönlich geholfen:


> Konfrontation: Ich bin zum Arzt gegangen und habe meine Blutwerte checken lassen. Ganz klar lag hier eine Mangelernährung vor. Wichtige Nährstoffe fehlten. Das hat mir auch die Augen geöffnet - davor war es mir nicht bewusst.

 

> Möglichkeiten abchecken: Ich habe mich über chirurgische Engriffe informiert. Bei mir ist meine Problemzone der Bauch. Klar kann ich für ein heiden Geld Fett absaugen lassen, wenn ich aber nichts an meiner Ernährungsweise ändere,  bin ich schnell wieder an dem gleichen Punkt wie zuvor. Man kann sich ja nicht den Grundumsatz wieder hinoperieren lassen. Eine andere eher lustige Möglichkeit ist, sich selbst so "hinzuphotoshoppen", wie man sich gerne hätte. Mir ist sofort aufgefallen, dass ich so nicht aussehen will. Das hatte null mit mir zu tun.

 

> Schocktherapie: Wart ihr schon mal in einer Klinik für Essstörungen? Ich schon. Das ist nicht schön. Eine damalige Freundin würde dorthin eingeliefert, weil sie an Bulimie litt. Für mich war es eine Art Schocktherapie. Informiert euch: Viele Kliniken bieten einen Tag der offenen Türe an. Zudem habe ich mir vermehrt Bilder von Essgestörten angesehen und Interviews mit ihnen gelesen. Will ich wirklich irgendwann so aussehen, nur weil ich mich nicht schlank genug fühle? NEIN!


> Auswirkungen auf Umfeld bewusst machen: Schreibe dir auf, was du alles nicht machen kannst, weil dich deine Fixierung auf das Essen davon abhält. Und vor allem: Wer muss alles darunter leiden? Partner, Freunde, Familie. Benenne dir Leute mit Namen und schreibe dir konkrete Situationen auf. Willst du dich so von einem Schlankheitswahn beherrschen lassen?


> Internet-Enthaltsamkeit: Dieser Punkt ist mir lange am schwersten gefallen, aber er hat mir einfach geholfen. Das Internet und vor allem die sozialen Medien konfrontieren dich immer wieder mit Körperbildern, die nicht normal sind. Klar kannst du die erreichen, aber das ist ein Lebensstil: Die Menschen, die mit ihrem Körper ihr Geld verdienen (und  ich meine keine Prostituierten) richten ihr Leben danach aus. Aber: sie ESSEN - du nicht. Entlike diese Personen, sie vermitteln dir ein Bild, das du auf dich projezierst. Jeder Mensch ist aber anders gebaut. Keine Angst! Du verpasst auch nichts. Du gewinnst eher - nämlich wieder dein eigenes Körpergefühl.


> Fotoshooting: Lass dich mal schick machen und professionell ablichten. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ein professioneller Fotograf alles aus dir herausholen kann. Du findest dich plötzlich echt mehr als okay.


> Fremdbild/Selbstbild abgleichen: Eigentlich des Wurzels Übel, denn anscheinend stimmt dein Selbstbild nicht. Lies mal diesen Artikel dazu.