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Vietnam Reise: Tag 1 - 7

1.  Tag


Nach 17 Stunden endlich in Hanoi angekommen - und was sehen wir? REGEN, WOLKEN BÄH! Dafür sind wir nicht aus dem kalten, ekligen Deutschland abgehauen.

Erstmal sind wir etwas enttäuscht. Aber die Vorfreude auf drei Wochen Urlaub in Vietnam lassen uns nicht ganz verzweifeln.

Wir sind schon oft mit dem Regen  gereist - oder der Regen mit uns? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir dahin gehend ein wenig verflucht sind. Aber was soll's!


Hallo, ich bin Rebecca und im Werksviertel-Mitte für das Marketing und die Wegeführung auf dem Gelände zuständig. Im Rahmen von "Siedler reisen um die Welt" möchte ich euch gerne auf meine Vietnam-Urlaubsreise mit meinem Verlobten Robin mitnehmen. Diesen Beitrag schreibe auf einer externen Mini-Tastatur, von der ich anfangs so unendlich begeistert war, die mich aber mittlerweile etwas aggressiv macht, weil nicht alles so ist, wie ich es kenne. (Was für ein Übergang, der jetzt kommen wird:) Aber so ist es die ersten Tage in einem anderen Land mit anderer Kultur auch oftmals. Nach der anfänglichen Euphorie kommen Nörgeleien, Zweifel, Ernüchterung. Und wenn man sich arrangiert hat und daran gewöhnt ist, wird es einem nach kurzer Zeit doch wieder entrissen.

Aber alles der Reihe nach - die Moral der Geschichte kommt ja bekanntlich erst am Schluss.


Also: Was ist der Plan?

Robin und ich haben drei Wochen, einen Hinflug nach Hanoi, einen Rückflug von Ho-Chi-Min-City (Saigon) und zwei Backpacks auf unserem Rücken. Die ersten zwei Nächte haben wir gebucht (Hostel). Sonst steht noch nichts fest. Wir lassen uns treiben.


Wir fliegen an einem Sonntag Morgen los Richtung Doha. Von dort aus weiter nach Hanoi. Unterwegs sind wir ca. 17 Stunden, reine Flugzeit sind 13 Stunden. Um sieben Uhr morgens landen wir ins Hanoi. Für uns ist es ein Uhr nachts. Das Visum haben wir schon vorab online beantragt (ab 15 Tage ist das Pflicht). Wir sind stolz, eigene Passfotos mitgebracht zu haben*. Dann lesen wir in der Schlange beim Anstehen aber erst de E-Mail dazu: Bringen Sie 50US-Dollar pro Person in Bar mit. Ups. Wir haben 80 Notfall-Dollar dabei. Wir stellen uns doof. Es klappt. Wir können die Differenz in Euro zahlen. Kommt uns zwar teurer, aber wenigstens sind wir im Land.

Nächste Schritte: Gepäck holen (yeah, alles angekommen), Geld wechseln/abheben, SIM-Karten kaufen. Mensch, sind wir organisiert.* Im Taxi (ganz ordentlich mit Taxameter *) lassen wir Mapsme mitlaufen, damit wir bei der Strecke nicht übers Ohr gehauen werden*. Im Hostel angekommen, bekommen wir trotz unserer Überpünktlichkeit* (Check-in eigentlich erst ab 13 Uhr) doch schon unser Zimmer. Das ist sauber und voll in Ordnung. Jetzt wird erstmal eine Runde gepennt, um dem Jetlag Herr zu werden. Gegen 13 Uhr (= sieben Uhr deutsche Zeit) wachen wir ausgeschlafen auf. HUNGER! Im Flugzeug wird man zwar rund um die Uhr versorgt, aber wirklich sättigend ist das nicht. Wir brauchen "was gscheids". Einfach mal ins Gemenge stürzen. Es ist sehr viel los auf den Straßen - kein Wunder: Vor zwei Tagen wurde hier das chinesische Neujahr gefeiert (hä? Wir sind doch in Vietnam!)*. Viele Läden haben geschlossen. Zum Essen gibt es zum Glück genug. Nach einem Sandwich (keine HIMYM-Version) und einen Stamperl Bier (0,33L) geht es weiter. Die Stadt ist sympathisch. Im Gegensatz zu einigen anderen Ländern werden wir überhaupt nicht angestarrt, weil wir Europäer sind.* Hanoi ist voller Touristen: jung bis alt. An das Hupen müssen wir uns immer erst ein wenig gewöhnen. Wir erschrecken noch zu oft und wollen aus Reflex schimpfen.* Wir müssen endlich mit der Urlaubsentspannung beginnen und gehen in ein billiges Spa, das heute geöffnet hat. Für umgerechnet 11€ pro Pax lassen wir uns eine Stunde durchkneten. Zurück im Hostel stellen wir uns unserer Urlaubschallenge: Pro Bier gibt es einen Satz H.I.I.T., also Zirkeltraining, damit wir (also ich) nicht wieder als  doppelte Portion zurückkommen. Wir sind aktuell mit drei im Minus. Die zwei Heineken auf dem Flug und das Mittagsstamperl müssen ausgeglichen werden. Ach ja: Und abends wollen wir ja auch noch etwas trinken. Sechs Sätze später bin ich drei Bier im Plus und es geht (natürlich nach einer Dusche) auf Richtung Abendessen: lecker Vietnamesisch. Das mit den Stäbchen müssen wir noch üben.

Unseren ersten Trip haben wir nun auch schon gebucht: drei Tage Halong Bay. Ein "must see" wenn man hier ist. Wahrscheinlich total überlaufen und touristisch, aber das muss auch mal sein. Wir haben auch extra den teuren Touri-Tarif gebucht, damit es auch wirklich authentisch ist.

Weil ich nach dem Essen unbedingt noch was Süßes wollte und mich nicht zwischen zwei Kuchen entscheiden .... wollte, bin ich jetzt eins im Minus. Wird morgen ausgeglichen. Hat sich einfach gelohnt. Wir sind gespannt, was Morgen bringt. Da ist erstmal eine City-Tour geplant.

2.  Tag

Plan gehabt - Plan gekippt: Da immer noch Feiertage sind, mussten wir auf die geplante City-Tour per Hop-on-hop-off verzichten. Dann eben zu Fuß. Zuerst zum Bahnhof, ein Ticket für Freitag nach Hue kaufen. Zwar ist ein Flug schneller und evtl. komfortabler, aber ich will UNBEDINGT mit dem vietnamesischen Zug fahren. Das dauert "nur" 15 Stunden, geht aber über Nacht.

Mittags ging es endlich mal in einen dieser Straßenläden. Das Essen war super lecker, die Mini-Stühle sind irgendwie Standard-Ausrüstung jedes Lokals und eindeutig zu tief.*

Nachmittags merkten wir dann, dass wir immer noch nicht wirklich entspannt waren und gingen vorsorglich erneut zur Massage. Diese war eindeutig besser und sogar etwas günstiger.

Was uns an vielen öffentlichen Hotspots auffällt, ist die Selfie-Sucht der Vietnamesinnen: Egal, wann und wo - die vietnamesische Frau zückt ihr Smartphone und shootet sich erst einmal eine Viertel Stunde selbst. Und sie schämen sich null. Wahnsinn - und ich dachte, ich wäre schlimm. Das ist schon echt interessant, weil die vietnamesische Kultur ja eher zurückhaltend ist.

Unser Minus von gestern haben wir dann noch schweißtreibend ausgeglichen. Leider war der süße Zahn bei mir dann wieder so groß, dass ich jetzt am Abend wieder auf Minus eins bin. Aber die Vietnamesen kennen einfach meine süße Schwäche.

Morgen gehts dann endlich nach Halong Bay. Um "touchy seven oclock am" werden wir aufgegabelt.

3.  Tag

"Touchy seven oclock" heißt acht Uhr!!! * Naja, wenigstens nicht andersherum. Nach ca. vier Stunden Fahrt mit vielen Aufpick-Stationen und einer Pause a la Kaffeefahrt an einem Touri-Store gingen wir an Bord der Christina. Ich war noch nie über Nacht auf einem Schiff und deswegen hellauf begeistert von der Unterkunft: Wir haben ein riesiges Doppelbett, ein modernes Bad, einen Balkon und sogar genug Platz für unser Bier-Workout.

Nach der Ankunft gab es gleich Mittagessen - dieses war zu meinen Gunsten sehr Seafood-lastig. Also die Eiweißversorgung für die nächsten Tage ist gesichert. Dann ging es auf eine Rundfahrt: Zur Floating Village, zur Perl Farm und an den Beach. 

Das Floating Village ist faszinierend und traurig zu gleich: Bis 2004 haben sich hier Fischer in einer schwimmenden Stadt angesiedelt, wie und wann sie wollten. Sie haben ihre Häusschen auf dem Meer gebaut. Es gab eine Schule, eine komplette Gemeinde. Es gab keine Regulatorien seitens des Staates, wie viel gefischt werden durfte. Das barg de Gefahr der Überfischung, sodass der Staat 2005 entschied, "den Laden dicht zu machen". Alle Fischer und ihre Familien wurden umgesiedelt und sollten an Land gehen. Bei vielen war das einfach finanziell nicht möglich: Seit Generationen wohnten diese Familien hier, es war alles, was sie hatten. Und jetzt sollten sie es aufgeben. Der Staat schloss die komplette Infrastruktur samt der Schule. Aber bis heute leben die Fischer dort - illegal. Sie haben kein Geld und keine Perspektive für einen Neuanfang. Sie versuchen, ihre Kinder selbst zu unterrichten. Die Situation scheint trotzdem aussichtslos, da ein sorgenfreies Leben nicht in Sicht ist. Wenn die Fischer mal krank werden und an Land gehen, müssen sie die Behandlungskosten aus eigener Tasche zahlen. Im Floating Village gibt es keinen Telefonempfang und kein Internet. Sie sind von der Außenwelt abgeschnitten. Der einzige Zugang zur Außenwelt ist der Tourismus. Trotzdem bleiben die Menschen. Sie sind frei. Sie ticken nach ihrer eigenen Uhr. Der Guide sagt uns: "Die Menschen hier erscheinen uns komisch. Aber wenn man in Not ist, helfen sie. Es ist hier wie in einer große Familie." 

Wahnsinn! So ein Mikrokosmos wäre bei uns in Deutschland gar nicht möglich. Als wir so über das Wasser treiben, ist es plötzlich ganz still. So still, dass es fast weh tut. Nur das Geräusch des Paddels unseres Bootsmannes ist zu hören - sonst nichts. Es ist friedlich, es ist frei. Ein Mitfahrer aus Bangkok (Sunny) fragt uns: "Könnt ihr euch vorstellen, eine Nacht hier zu schlafen?" Unsere Antwort ist: "Ja, aber genau nur EINE Nacht."


Die Perlfarm ist für unseren Geschmack weniger spannend und vor allem viel zu teuer. Da das Wetter leider nicht mitspielt, ist der Beach auch kein Genuss. Aber wir nehmen alles mit, was geht. Dann gibt es halt Fotos mit ein paar aufhellenden Filtern drüber. #nofilternosun

Zurück auf der Christina powern wir uns in der Kabine noch mal aus: vier im Plus! Danach geht es zum Abendessen, typisch vietnamesisch: Das Anrichten erinnert an spanische Tapas. Jeder nimmt etwas von allem. Wir sitzen mit zwei Dublinern und einem Franzosen am Tisch. Eine lustige Runde - trotz unseres eingerosteten Englisches. Nach einem Wein und zwei Bier (Saigon ist jetzt übrigens mein Favorit), bin ich eins im Plus und setze mich an meinen Blog. Laut unserem Guides wird das Wetter morgen nicht besser - unser Fluch eben. Aber wir sind optimistisch.


4.  Tag

Neuer Tag - gleiches Wetter. Leider. Die Sonne ist leider immer noch nicht zu sehen.

Aber wenigstens schlafen wir hier wie Babies: Neun Stunden später bin ich aber immer noch müde. Das Frühstück auf dem Boot fällt eher mau aus. Um halb neun geht es schon auf unseren Tagesausflug: Kajakfahren und Höhlenbesuch. Ich bin in meinen 28 Jahren noch nie (bewusst) Kajak gefahren und somit etwas nervös. Aber mit allem in unserer Drybag verstaut dürfte eigentlich nichts schief gehen. So war es dann auch. Auf dem Wasser herrscht einfach eine andere Stimmung, das "Sein" ist ein anderes. Wir paddeln uns etwas nass, weil wir noch nicht so gut eingespielt sind. Ich bin gespannt, ob wir morgen einen kleinen Muskelkater davon haben. Zurück auf dem Boot gibt es erst einmal Mittagessen vom Grill. Das Anrichten ist wie gestern: Es werden mehrere Gänge serviert, alles auf größeren Tellern, von denen jeder etwas nehmen kann. Es ist vor allem eins: zu viel. Wir schämen uns etwas, dass wir so viel stehen lassen, aber das ist einfach nicht zu schaffen: Es gibt diverses Seafood, Chicken, Gemüse, Melonensalat, Kartoffeln, Mais etc. Für den westlichen Gaumen nichts außergewöhnliches.

Nach dem Essen möchte ich den bekannten "Egg coffee" probieren, bekomme aber eine Zuckerplörre - ich glaube, das war wohl nichts. Die Vietnamesen hauen überall einen Schwung Zucker rein. Diabetes lässt grüßen.

Bevor das Nachmittagstief einsetzen kann, sind wir auch schon auf dem Weg zur "Mastercave". Der Guide erklärt, warum diese so heißt: Da das Floating Village keine Schule mehr hatte, kamen einmal im Jahr sogenannte Masters (oder Teachers) zwischen Juni und August in die Floating Village. Als Unterrichtsraum wurde eben diese Höhle verwendet. Heutzutage ist diese Höhle nicht mehr öffentlich zugänglich. Wir schauen uns verwundert an und fragen: Der Besuch der Höhle ist nicht legal? "Of course, it is illegal" antwortet der Tour Guide trocken. Wir sind erschrocken und amüsiert zugleich. #ofcourseillegal - Mit Taschenlampen ausgestattet erkunden wir allein die ca. 100 Meter lange Tropfsteinhöhle, die in zwei Kammern geteilt ist. Sie ist etwas gruselig, aber wunderschön. Die Stalagtiten und -miten glitzern an manchen Stellen edel. Dass hier öfter Menschen sind, sieht man auch an den verlegten Kabeln, die der Höhle etwas den Zauber nehmen.

Nach der Tour geht es zurück an Bord. 

Während der heutigen Tour haben wir Kathrin und Jonas aus dem Rheinland kennengelernt, ein sympathisches Paar Anfang 20, die ebenfalls für etwas länger in Vietnam unterwegs sind. Der Polizist und die Studentin machen danach noch einen Abstecher nach Kambodscha. Die beiden sind lustig, wir vier verstehen uns gut.

Zurück in der Kabine wird erstmal "gechillt", auch wenn wir uns kaum bewegen, sind wir nach so einem Tag echt kaputt.

Unsere Workouts lassen wir heute ausfallen - nennen wir es "Restday" ;-) *

Nach dem Abendessen versuchen wir uns im Squid-Fishing. Der Reiseleiter erklärte  den Fangvorgang wie folgt: die Tintenfische sind wie Männer. Wenn sie Licht sehen, denken sie, es ist ein Club und schwimmen darauf zu - in der Hoffnung, dort eine Frau aufzureißen. Wir simulieren mit unserem Angelhaken eine tanzende Tintenfischfrau. Und so begannen wir zu tanzen: Wir probierten Techno, Bachata und Ballett. Ich glaube, ich habe mein Talent entdeckt. Ich bin professionelle Squidfischerin. Habe drei Stück gefangen! Ist nur die Frage, ob das eher gut oder schlecht auf mein Karma einzahlt.


5.  Tag

Um 05:50 aufgewacht, weil es mich überall gejuckt hat: Über Nacht habe ich mindestens sechs Mückenstiche eingeheimst. Aber wir haben vorgesorgt und den Hitzestift mitgenommen. Das Teil ist genial: Man hält es ca. zehn Sekunden auf den Stich, dann wird es sehr heiß. Durch die Hitze werden die Proteine, aus denen das Mückengift besteht, zerstört. Das ist nämlich der häufigste Fehler, der bei Mückenstichen begangen wird: Man kühlt ihn. Das Gegenteil sollte man aber tun. Naja, wie auch immer: Im Laufe des Tages kam dann noch mindestens die doppelte Anzahl an Stichen dazu. Aber nur an den Beinen. Und nicht nur bei mir. Der vietnamesische Mückenfunk verbreitet sich anscheinend schnell. Auch mein Freund ist heiß begehrt.


Nachdem ich so früh aufgewacht bin, besucht ich die Thai Chi Stunde auf dem Schiffsdeck. Die "Stunde" bestand aus zehn Minuten*, war aber ein guter erster Eindruck des vietnamesischen Sports.

Nach dem Frühstück ging es in eine weitere Höhle. Diese war allerdings so von Touristen  überflutet. dass es nicht mehr schön war. Wir waren froh, als es vorbei war. Das einzig interessante war die Geschichte, die uns der Guide zur Halong Bay erzählte: 

Während des Krieges zwischen China und Vietnam (China wollte mehrfach Vietnam einnehmen), schien die Situation mal wieder aussichtslos, denn die Chinesen waren zu weit vorgedrungen. Plötzlich erschien laut der Sage ein Mutterdrache mit ihren neuen Kindern und verhinderte so die chinesische Invasion. "Halong" bedeutet "herabkommender Mutterdrache", die Babydrachen erhielten auch jeweils eine Bucht nebenan. Noch heute erinnern die Felsformationen an Drachen. Die Vietnamesen erzählen diese Geschichte oftmals ihren Kindern als Gute-Nacht-Geschichte. "Ist nicht so gruselig wie Game of Thrones - und dazu jugendfrei.", zwinkert der Guide der Gruppe zu.


Geografisch sind die Felsen allerdings wie folgt entstanden: Über die Jahrmillionen haben sich verschiedene Gesteinsschichten gebildet, die vom Meer unterhöhlt wurden. Sehr viele Erdtteile sind dann nach und nach weggebrochen, übrig geblieben sind diese riesigen restlichen Kalkfelsen, wir man sie heute noch sehen kann. Im Umkehrschluss bedeutet das auch. dass der Wasserspiegel erheblich gesunken ist und noch weiter sinken wird.


Nach einer Fotosession ging es zurück an Bord, wo wir eine kleine "Cooking Class" bekamen. Uns wurde der Schiffskoch vorgestellt, der aussieht wie zwölf, aber schon 28 Jahre alt ist. Unser Guide preist ihn etwas auf dem Singlemarkt an: Er wurde erst vor ein paar Wochen von seiner Freundin verlassen, weil er nur fünf Tage im Monat frei hat - das war ihr einfach zu wenig. "So, he is still available. If you know anybody." Wir müssen gleichzeitig lachen und ihn bemitleiden.

Der Schiffskoch ist aber sehr talentiert und schnitzt aus Karotten und Gurken wunderschöne Blumen. 

Wir dürfen zusammen Sommerrollen zubereiten. Der Guide erklärt uns den historischen Hintergrund der Sommer- oder Frühlingsrollen: Jede Zutat steht für eine Eigenschaft oder eine Tugend. In der Rolle sind dann alle guten Tugenden vereint. Deswegen ist das Essen runder Nahrungsmittel (auch wenn sie nur so angeordnet werden) sehr gut für die Seele. Also: Essen für gutes Karma - hier sind wir ganz vorne dabei.


Wir erfahren auch endlich, warum hier ebenfalls das "Chinese New Year" gefeiert wird: Aufgrund der wiederholten Versuche Chinas, Vietnam für sich zu beanspruchen, kamen auch einige chinesische Brauchtümer nach Vietnam. Die Vietnamesen haben deswegen viele Wörter und Bezeichnungen (Halong) von den Chinesen übernommen - allerdings immer mit einer vietnamesischen Anpassung.


Der Guide geht auch noch auf die Vergangenheit, den Krieg und die jahrzehntelange Spaltung zwischen Nord- und Südvietnam an: Seine Familie stammt aus dem Süden. Sein Vater war selbst im Krieg gegen Nordvietnam und musste nach der Wiedervereinigung für einige Monate ins Gefängnis. Als er wieder entlassen wurde, wollte er mit seiner Frau fliehen. Ganze dreimal habe er es vorgehabt: Jedes mal kam ihm die Schwangerschaft mit eines seiner Kinder dazwischen. Sein Vater sah das als Zeichen, in Vietnam zu bleiben.


Die Demonstration und die Erzählungen des Guides berühren mich sehr. Der Krieg ist wirklich noch nicht so lange her (1955 - 1975), die Nachwehen spürt man hier an vielen Menschen und Orten immer noch.


Eine weitere Eigenheit, die uns als Deutsche sehr geschockt hat, ist die Anwesenheit von Hakenkreuzen. Dabei handelt es sich aber nicht um Hakenkreuze im Sinne der Nazi-Diktatur, sondern um das Sonnenrad-/Sonnenkreuz-Symbol. Es ist eines der ältesten Symbole der Welt und in vielen Kulturen zu finden. Es bedeutet "Glück" oder "Heil". Im ersten Moment waren wir aber etwas irritiert, als wir es in der gesamten Verzierung des Schiffs sowie an einer Häuserfassade in Hanoi entdeckten. 


Nach einem weiteren Mittagessen wurden wir an Land geschippert und nach Hanoi zurückgebracht, wo wir noch am gleichen Abend den Nachtzug nach Hue, der Kaiserstadt, nahmen. Zuvor gönnten wir uns aber noch eine vorsorgliche Massage - in Anbetracht der ewig langen und unbequemen Zufahrt.



- Wie lange waren wir in Halong Bay? 3 Tage - 2 Nächte

- Wie war das Wetter? Eher herbstlich, regnerisch

- Was ist die ideale Reisezeit? September/Oktober

- Was hat uns der Trip nach Halong Bay gekostet? ca. 175€ pro Person inkl Unterkunft, Vollpension, Getränke, Ausflüge, Schifffahrt

6. Tag*

15,5 Stunden Zugfahrt im "Softseat" von Hanoi nach Hue. Leckomio! Einmal und nie wieder - zumindest nicht im "Softseat". Ich wollte UNBEDINGT Zugfahren in Vietnam. Wegen dem Neujahr war aber fast alles schon ausgebucht, sodass wir auf den Schlafwagen verzichten und auf den "Softseat" zurückgreifen mussten. Das ist sozusagen die "Mittelklasse": Es gibt sogar noch "Hardseat" - das sind harte Holzbänke. Und da saßen wirklich Leute. Preislich unterscheiden die sich auch extrem. Die günstigsten Hardseats kosten für diese Strecke ca. 20€, die Softseats (wie im Flugzeug nach hinten klappbar) kosten ca. 24€ und ein Bett im vierer Abteil ca. 62€.  Ein Flug für die gleiche Strecke kostet ca. 50€, allerdings nur mit sieben Kilo Handgepäck - mit normalem Gepäck bis zu 30 Kilo 110€. Also eine Preispolitik haben sie, die Vietnamesen :-) Ehrlich gesagt haben wir es aber nicht wegen dem Preis gemacht, ich war einfach total neugierig auf das Zugfahren. Ich vergebe lieb gemeinte 7 von 10 Lokomotiven für diese Erfahrung. Da wir über Nacht fuhren, konnten wir die meiste Zeit schlafen - also mit anderen 50 Leuten und deren (Körper-)Geräuschen im Abteil. Aber wir wussten, worauf wir uns einließen. Wir kamen um halb eins mittags am Bahnhof in Hue an und ließen uns per Taxi zum zuvor gebuchten Hotel kutschieren. Laut Reiseführer sollen wir bei Taxies auf die Taxameter bestehen. Die ersten zwei Taxler hatten darauf aber keine Lust, sie wollten durchschnittlich 150.000 Dong (= ca. 5€). Als wir beim dritten Taxler mitfuhren, zeigte das Taxometer 30.000 Dong (= ca. 1,15€). Auch 5€ wären für uns Europäer für diese Strecke Peanuts, aber wir Touristen machen die Preise langfristig kaputt, wenn wir immer das zahlen, was gefordert wird, ohne zu verhandeln. Die Kunst ist es, den Grat zwischen "unverschämt" und "überzogen" zu finden. 

Unser Hotel "Holiday Diamond" ist zentral gelegen und kostet - bitte festhalten - 13,50€ die Nacht inkl. Frühstück für uns zwei. Ich komme darauf irgendwie gar nicht klar: Das Hotel ist sauber, das Personal ist äußerst  freundlich und hilfsbereit, die Lage ist perfekt. Wir sind richtig geflashed. Wir buchen für den nächsten Tag eine Rundreise zu den verschiedenen Kaisergräbern (für die Hue bekannt ist) mit einem privaten Fahrer, Mittagessen und Flußfahrt für 55$ zusammen. Das "gönnen" wir uns jetzt. Auch wenn mir so eine private Betüdelung nicht so angenehm ist.

In Hue bleiben wir zwei Nächte. Danach wollen wir mit dem Roller über den sogenannten "Wolkenpass" nach Hoian. Das Gepäck kann man sich "liefern lassen". Kosten hierfür betragen 27$ zzgl. Sprit. Die Überfahrt dauert ca. vier Stunden für 120km inkl. Stopps an Hotspots.


Hue ist aufgeschlossen, touristisch und bar-lastig: Abends werden die Straßen der Innenstadt gesperrt und somit zur Fußgängerzone. Das Angebot an Bars, Restaurants, Pubs und Co. ist überwältigend. 


Ach ja: Wir sind gefühlt mit -10 im Minus mit unserer Challenge. Die Verpflegung im Zug bestand bei uns aus Keksen und Süßkram. Zwar gab es nach zwei Tagen mal wieder eine taffe Einheit, aber wir geben uns so langsam der Urlausverfettung hin - voll und ganz und ohne schlechtes Gewissen.

7.  Tag

Heute ging es kulturell richtig ab bei uns: Wir haben einen Rundtour zu den gefühlt 48 Gräbern der vietnamesischen Kaisern gebucht inkl. Bootstour und Mittagessen. Damit es wieder authentisch ist, haben wir natürlich extra viel bezahlt (55$). Wir wollen ja nicht unglaubwürdig wirken. Die Gräber sind an sich weniger spannend, aber die sie umgehende Gärten sind der Wahnsinn. Vor allem weil sie laut Historie alle nach Feng Shui ausgerichtet sind. Die Kulissen sind für Mini-Fotoshootings a la Instagram perfekt ;-) 

Das Boot hatten wir übrigens dann für uns alleine inkl. leckerem vietnamesischen Mittagessen. 

Leider ist das Wetter sehr nieselig und die Straßen somit "bazig" und feucht. Aber was sollen wir tun? Den Wettergott verfluchen? Nein! Dem heiligen Huda-Gott fröhnen. Das Huda-Bier ist hier in Hue das größte (mit 450ml) und preisgünstigste. Vom Geschmack etwas mild, aber mit 4,8% voll in Ordnung. 2017 wurde es sogar in Berlin mit Silber ausgezeichnet. Btw: Unser heutiges Workout haben wir zum Glück auch schon hinter uns. *

Abends gehen wir noch in ein richtig gutes, preisgünstiges (meine Standard-Einstellung bei Tripadvisor) Restaurant und sind überwältigt: Das Honig-Hendl ist der Wahnsinn. Ich habe mich beim Essen mit den Fingern fast wie auf der Wiesn gefühlt - nur dass das Hendl saftig war.*

Morgen wollen wir mit dem Roller über den Wolkenpass nach Hoian. Leider soll es durchgehend nieseln, aber wir werden einfach vorsichtig fahren. Prost und gute Nacht!