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Freiwillig am Bauernhof – Zurück im Wipptal

Lange habe ich es ja in München nicht ausgehalten: Nach nur zwei Wochen zieht es mich wieder ins Wipptal. Zuerst auf einen anderen, dann wieder auf den Lanthaler Hof. Eine Woche darf ich erneut mitarbeiten.

 

Zurück in der Stadt musste ich mich wieder eingewöhnen – gar nicht so einfach. Mir fehlte irgendwie alles: Die Viecher, die körperliche Arbeit, die Berge – einfach all das, was es in München eben nicht gibt. Mein Herz litt ordentlich. Somit war klar: Ich muss wieder auf den Bauernhof!

Hansi hat mir auch bei diesem Aufenthalt wieder die volle Bandbreite an unterschiedlichsten Aufgaben geboten. Langweilig wird es am Lanthaler Hof definitiv nie.

 

Als ich die Viecher wiedersehe, bin ich richtig glücklich. Die Kühe interessiert das eher wenig, dass ich wieder da bin – auch okay 😊 Die Kälber darf ich am ersten Tag noch tränken, am nächsten sollen die männlichen Kälber weggebracht werden. Nun sind es noch drei am Hof. Dem einen geht es immer noch nicht so gut, es bereitet mir Sorgen. Judith, die Tierärztin, schaut sich das Kalb an. Ich freue mich sehr, sie wieder zu sehen. Sie lässt mich auch mal mit dem Stethoskop am Bauch des Kalbes horchen: „Ein gesunder Pansen klingt wie eine Waschmaschine.“ Und das tut er wirklich. Also alles gut bei dem Kalb, die Genesung braucht einfach seine Zeit.

 

Nach meiner Ankunft am Sonntag fahren Hansi und ich gleich zum Schwammerl sammeln – im Hang. Ich habe mehr damit zu tun, nicht abzustürzen und trittsicher unterwegs zu sein, als Schwammerl zu suchen. Die Ausbeute ist auch sehr mager. Die Schwammerl lassen noch auf sich warten.

 

Hansi hat beschlossen, dass wir die Melkzeiten auf fünf Uhr vorverlegen: Also fünf Uhr morgens und fünf Uhr abends. Puh, das ist zach – vor allem in der Früh. Aber es wird schon gehen. So haben wir auch früher Feierabend (statt um neun, schon um acht). Bei der Stallarbeit muss ich wieder etwas reinkommen. Und: Es gibt Babykatzen! Ahhhhhhh! Ich hasse Katzen doch eigentlich! Aber die sind so süß. Und gefährlich leben sie auch, wie sie immer zwischen den Beinen von Kuh und Mensch herumspringen. Die sieben Katzenleben lohnen sich am Bauernhof mit Sicherheit.

 

Ein Tag geht komplett für die Reinigung der Milchkammer drauf: Blitzeblank soll der Raum werden. Er wird an sich schon immer sehr sauber gehalten, aber alle paar Wochen muss er auch mal gründlich geputzt werden. Und da ich ein Fan von „Vorher-Nachher-Bildern“ bin, will ich das Projekt selbst und zu meiner eigenen Zufriedenheit zu Ende bringen – nur für´s Foto natürlich 😉 Ich schrubbe wie ein Weltmeister, meine Hände sind danach etwas wund. Aber es hat sich gelohnt: Die Milchkammer glänzt…. zumindest für ganze fünf Minuten, dann kommen schon wieder die Fliegen und die Mistspritzer. Es ist und bleibt einfach ein Bauernhof.

An einem anderen Tag widme ich mich dem Stallboden: Die Mistschicht ist dick und zeigt sicher schon Jahresringe wie bei einem Baum auf. Ich kratze ab und weiche ein. Irgendwann sieht man endlich Boden. Was für ein befriedigendes Gefühl, wenn man diese „Mistmatten“ endlich abgeschält hat. Auch die Wände versuche ich mit einem Spachtel von getrockneten Mistspritzern zu befreien. Gerne hätte ich mal den gesamten Stall blitzeblank geputzt. Vielleicht beim nächsten Mal. Diesmal hat die Zeit nicht gereicht.

 

Ein weiteres Highlight ist für mich das Waschen und Scheren der Kühe, die auf der Alm waren: Hansi bringt mir einen besonderen Knoten für das Festbinden der Kühe bei. In die eine Richtung ist der Knoten sicher, wenn die Kuh daran zieht – in die andere Richtung bekomme ich ihn schnell und einfach auf. Am Anfang stelle ich mich ein bisschen deppert an, aber dann funktioniert es. Wir waschen und scheren drei Kühe. Bei den einen klappt es ganz gut, bei der anderen ist es ein Kraftakt. Meine Unsicherheit tut ihr übriges und macht die Kuh sicher auch etwas nervös. Aber am Schluss sind sie alle schön. Die eine Kuh kommt auch die Tage später nicht auf ihre Schönheit klar und muckt beim Melken. Tja, schönsein muss gelernt sein. Ich traue mich aber nicht mehr an sie ran. Hansi muss lachen, wie ich bei ihr ins Schwitzen komme.

 

Weiter geht’s auf dem Feld: Hier sollen dir Sträucher zurückgeschnitten werden, damit die gepflanzten Bäume genug Licht bekommen und gut wachsen können. Hansi übernimmt die Sense, ich die „Gartenschere“ für dickere Sträucher. Wir arbeiten im Steilhang – also für mich ist das steil. Für den Bauern nicht wirklich. Ich muss mich wieder konzentrieren: Zum einen darauf, nicht zu sterben, zum anderen darauf, nicht alle Brennesel zu streicheln. Leck, sind die fies. Das brennt auch schön durch die Kleidung. Also was sich der Herr da oben wohl bei der Schöpfung der Brennessel gedacht hat?! „Brennessel-Tee“, sagt Hansi. Er sieht aber auch immer nur das Gute in allem!

 

In zwei halben Tagen schaffen wir den Hang. Feldarbeit ist definitiv meine liebste Arbeit, vor allem wenn man miteinander arbeitet. Man kann sich gut dabei über Gott und die Welt unterhalten. Außerdem ist sie körperlich anstrengend und das mag ich ja besonders. Wie hat Hansis Tante, eine Lehrerin, die auch gerne angepackt hat, immer gesagt? Körperliche Arbeit ist der geistige Ausgleich. Was für eine Weisheit. Definitiv wird das mein Motto. Danach sind meine Haxn zerkratzt. Die Stadthaut ist Stacheln, Dornen, Disteln und Co. nicht gewohnt. Naja, heilt alles wieder.

 

Hinter dem Hof auf der Wiese wächst zwischen Luzerne und Grashalme auch der böse Ampfer. Der ist deswegen böse, weil ihn die Viecher nicht fressen. Und wenn man ihn nicht regelmäßig aus der Wiese entfernt (wenn möglich mit Wurzel), bekommt man ihn für die nächsten 99 Jahre nicht weg – so die Aussagen der Bauern. Also darf ich Hacken. Weil ich solch eine Arbeit nicht gewohnt bin, arbeite ich anfangs viel aus dem unteren Rücken. Das halte ich aber nicht lange durch. Ich lerne also mit dem Schwung der Hacke zu arbeiten. Und irgendwann gelingt auch das. Ich metzle ein wenig im Boden herum, bis ich die Wurzeln erwische - Hansi ist da deutlich geübter und schneller. Danach sähen wir neues Saatgut auf die kahlen Stellen.

Hansi traut mir wirklich viel zu, das ist gut und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Denn nur so lerne ich wahnsinnig viel in kurzer Zeit. Einen Tag nimmt er mich auch mit zur Waldarbeit: Es werden Bäume gefällt. Ich selbst fälle zwar nicht, weil mir die Schutzkleidung fehlt – aber ich trage der Mannschaft alles hinterher (Leiter, Keile, Beil). Das Wetter ist ideal: Eher kühl und leicht nieselig. Diese Kräfte, die wirken, wenn der Baum fällt, faszinieren mich. Es ist ein sehr gefährlicher Job, aber auch sehr spannend. Ich lerne, wie man Bäume fällt:

  1.  Zuerst muss entschieden werden, ob der Baum alleine fallen kann oder ob er mit einem Seil, das am Traktor hängt, in die Fallrichtung gezogen werden soll. Das ist vor allem bei Bäumen wichtig, die eine bestimmte Wuchsrichtung und somit auch Fallrichtung haben und deren ungesicherter Fall nicht kontrolliert passieren kann.
  2.  Jetzt muss eine Kerbe unten in den Stamm gesägt werden. Die Kerbe wird an der Stelle gesetzt, in welche Richtung der Baum fallen soll. Hier kann man auch die Richtung sehr genau festlegen: Man setzt sich mittig mit dem Rücken an den Baum vor die Kerbe und legt die Mittelfinger links uns rechts an die Ecken der Kerbe. Dann streckt man den Oberkörper durch, sieht nach oben zum Baum und richtet dann den Blick nach vorne: Hierhin fällt der Baum. Je nachdem, wie man die Einschnittwinkel der Kerbe anpasst, kann man die Richtung verändern.
  3.  Der Fällschnitt beginnt: Im nächsten Schritt muss der Baum nach hinten durch Keile gesichert werden, damit er nicht aus Versehen in eine andere Richtung fällt. Das Einschlagen der Keile übernehme ich teilweise. Aber ich brauche länger, weil ich das ja noch nie gemacht habe. Ich schlage auch oft daneben. Hansi meint, ich soll langsam schlagen. Der Baum muss beim Schlagen „singen“😊 Wie poetisch!
  4.  Dann fängt Hansi an, mit der Motorsäge zu arbeiten. Parallel wird der Keil weiter eingeschlagen bzw. das Seil, das am Baum befestigt wurde, zieht den Baum in die gewünschte Fallrichtung.
  5.  Jetzt heißt es AUFPASSEN. Am Baumwipfel sieht man relativ gut, wann der Baum fällt. Unten am Stamm sieht man es verzögert. Deswegen ist höchste Vorsicht und Konzentration geboten. Wenn der Baum fällt, sollte man sich schnell in Sicherheit bringen. Dann ruft Hansi laut: „Baum fääääääääällt!“ (So laut könnte ich gar nicht rufen.)  Am besten bewegt man sich in der Nähe eines noch nicht gefällten Baumes. Der bietet einem am meisten Schutz. Ach ja: Und die gesamten Waldarbeiter sollte man im Auge behalten, damit keinem was passiert. Je mehr Leute herumwuseln, desto gefährlicher wird es.

Alles geht gut, die Bäume fallen perfekt. Danach gibt´s eine Brotzeit als Belohnung. Wir setzen uns dazu in die Kochhütte. Diese Art von Arbeit könnte ich mir schon öfter vorstellen.

Bei meinem ersten Aufenthalt auf dem Lanthaler Hof haben wir Videos vom Melken gedreht, damit im Fall von Urlaub oder Krankheit auch Andere das Melken für Hansi übernehmen können. Daheim habe ich die Videos geschnitten und zusammengefügt. Sie sind zwar eher semi-professionell, aber dafür zweckdienlich. Wir laden an einem Abend alle Leute, die Hansi vertreten können, zu einem „Workshop“ ein. Zuerst dürfen sie anhand der Anleitung arbeiten, im Anschluss werden ihnen die Videos gezeigt und USB-Sticks mit den Inhalten übergeben. Sie sind alle sehr interessiert und engagiert. Nun heißt es: ÜBEN, ÜBEN, ÜBEN. Dann kann auch Hansi mal für ein paar Tage in den Urlaub fahren. Ich bin mir sicher, dass das funktionieren wird und bin froh, dass wir das Projekt geschafft haben. Jetzt liegt es an Hansi, dass er mal wegfährt und die Arbeit vorübergehend abgibt.

 

Dass er generell mehr auf sich achten soll, hatte ich ja beim letzten Mal schon angesprochen. Und ich glaube, er tut es auch. Wir haben nur diesen einen Körper im Leben und den sollten wir gut behandeln. Und auch mal aus dem Alltag „rauskommen“ ist wichtig. Deswegen war es mir eine Herzensangelegenheit, dass wir die Videos fertigbekommen. Eine Grundlage, auf der es aufzubauen gilt, Herr Muigg 😉

 

Am letzten Abend gehen wir nach Innsbruck zum Essen. Hansi interessiert sich sehr für den Anbau und die Verwendung von Trüffel, hat aber selbst noch nie welchen probiert. Sowas kann ich nicht gelten lassen, also lade ich ihn zum Trüffelessen ein. Es ist schon etwas Besonderes, jemanden dabei zu begleiten, wenn er zum ersten Mal etwas ausprobiert. UND: Der Trüffel schmeckt ihm. Das ist das wichtigste.

 

An meinem Abreisetag gehen wir eine Runde Wandern. Der Tag ist strahlend schön und die Route geht entspannt an einem Wasserfall entlang. Ein wundervoller Abschluss einer weiteren fantastischen Woche am Lanthaler Hof. Zum Abschied bekomme ich von Hansi ein tolles Geschenk aus Zirbenholz -  das riecht …. ähhhhh…. schmeckt so gut (die Tiroler riechen nämlich nicht, sie schmecken). Immer wenn ich nun Sehnsucht nach Tirol habe, schließe ich die Augen und rieche daran. Von der Familie bekomme ich noch einen Fresskorb mit allerlei lokaler Spezialitäten. Da kann ich noch lange kulinarisch von zehren.

Ein Einheimischer, dem ich vom Lanthaler Hof und meiner Liebe zu den Bergen erzählt habe, sagte zu mir: „Man sieht das Tiroler Blut in deinen Augen.“ Das hat sich so gut angefühlt. Vielleicht bin ich im Herzen wirklich ein bisschen tirolerisch.

 

Die letzten sieben Tage haben mir körperlich und seelisch so viel gegeben. Ich bin wieder ausgeglichen und glücklich. Mein tägliches Schlafpensum lag zwar wieder nur bei drei bis vier Stunden, aber das war es wert – schlafen kann ich, wenn ich tot bin 😉 Wenn zwei unterschiedliche Welten aufeinandertreffen, die sich gegenüber so offen und am Leben des anderen interessiert sind, wie es bei Hansi und mir der Fall ist, gibt es einfach viel zu bereden. Wir spinnen oft Ideen zusammen, lernen viel voneinander, inspirieren uns. Dass es so etwas heutzutage in unserer schnelllebigen Welt noch gibt, ist wundervoll.

 

DANKE Hansi für eine weitere Woche voller neuer Erfahrungen und das Energieauftanken! Es war mir wieder eine Ehre!

 

>> Hier geht´s zum Bericht über meinen 1. Aufenthalt.

>> Ihr habt auch Lust auf einen freiwilligen Einsatz auf den Bauernhof bekommen? Dann guckt mal hier.