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pErFekTiON - eine gefährliche Illusion

Warum Perfektion zu gefährlich ist? Weil sie im Auge des Betrachters liegt, also nicht genormt ist. Der Wunsch nach Perfektion kann somit zur Sucht werden. Aus einer simplen Idee der Selbstoptimierung wird Dauerperfektion.


In diesem Artikel möchte ich auf folgende Aspekte der PERFEKTION eingehen:

 1. Definition von "perfekt"

 2. Perfektion als Booster

 3. Perfektion als Gefahr

 4. Wie finde ich die Balance?


Der Artikel basiert nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen, sondern allein auf meiner Wahrnehmung und meinen Ansichten. Der Artikel ist also alles andere als perfekt :-)

1.  Definition von "perfekt"

Was bedeutet eigentlich, "perfekt" zu sein, zu leben, zu handeln? Für mein Verständnis hat das zum einen mit der eigenen Messlatte für "Vollkommenheit" und zum anderen mit gesellschaftlichen Normen zu tun. Wenn ich z.B. zu meinem Freund sage: "Die XY hat aber eine perfekte Figur." Dann sagt das im Umkehrschluss  folgendes über mich aus:

 1. Ich hätte gerne diese Figur. 

 2. Die Figur ist vollkommen.

 3. Mit dieser Figur würde ich mich auch perfekt finden.


Das wiederum zeigt, wie kurzfristig und einseitig diese Bezeichnung von PERFEKT ist: Meine Aussage beschreibt nur diesen einen Eindruck, diese eine Seite, die ich in dem Moment sehe. Ich weiß weder, wie sie zu dieser Figur gekommen ist (Gene, harte Arbeit, Essstörung oder ähnliches) noch, ob sie selbst vielleicht gar nicht so zufrieden damit ist. Vielleicht ist die Person auch menschlich gar nicht meine Wellenlänge (vielleicht verstehen wir uns auch überhaupt nicht. Der perfekte Eindruck wäre dann dahin - ob ich ihre Figur dann immer noch so perfekt ist?)

Mein erster unbewusster Eindruck ist aber: Sie muss doch glücklich sein, wenn sie so aussieht.

Wir dürfen aber nie vergessen: Wir sind nicht alle gleich. Sowohl vom Aussehen, als auch von unserem Charakter. Wir müssen verschieden sein, um unseren Platz in der Gesellschaft zu finden. Wenn wir alle Kate Uptons, Lena Gerckes, Pamela Reifs (einige meiner Figurvorbilder) wären, welche Bedeutung haben dann diese Namen noch für uns? Schaffe dir deinen eigenen Namen, deine eigene Bedeutung für die Gesellschaft und vor allem für dich. Du allein musst dir am Ende deiner Tage ins Gesicht sehen können. Willst du eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten oder eine Maschine, die einwandfrei - PERFEKT - funktioniert?


Mein Beispiel hat die Figur betroffen, es gibt aber viele Bereiche, in denen man eine Perfektion anstreben kann:

  - Finanzen/Vermögen

  - Gesundheit

  - Sport/Fitness

  - Aussehen/Gewicht

  - Ernährung

  - Soziale Beziehungen/sozialer Status

  - Job

  - ein bestimmter Moment (Antrag, Geburt, Hochzeit etc.)

  - usw.

 2.  Perfektion als Booster

Wenn ich einen Menschen als PERFEKT sehe, erfüllt er für mich eine gewisse Vorbildfunktion. Das kann auch als Antrieb oder Motivation dienen. Wenn früher in der Schule meine Freundin eine gute Note geschrieben hat, habe ich das auch als Antrieb gesehen, mich noch etwas mehr reinzuhängen und bessere Noten zu schreiben. Bei Klausuren ist das allerdings etwas "einfacher": Es gibt eine maximale Punktzahl, die man erreichen kann. Wenn diese z.B. 100 Punkte betragen und ich diese 100 Punkte erreiche, bin ich ja schon perfekt. Mehr als 100 Punkte kann ich ja nicht erreichen. Im "echten" Leben gibt es diese Punktebegrenzung aber nicht. Wie eifern immer weiter. Setzen unsere "Punktelatte" immer höher.

Perfektion kann und soll auch als Booster oder Motivation dienen, trotzdem solltest du dieser Motivation immer Herr bleiben und dich nicht von ihr beherrschen lassen.

Wenn ich z.B. ein Sporttief habe, faul bin, gucke ich mir Youtube-Videos und Instagram-Profile von sportlichen Menschen an. Dadurch steigt sofort mein Energielevel, ich trainiere sozusagen visuell vor :-) Ich lasse mich inspirieren und motivieren. Vergleichen sollte man sich aber mit den Vorbildern nicht.

3.  Perfektion als Gefahr

Natürlich solltest du nie den Anspruch verlieren, Dinge den Anforderungen entsprechend zu erledigen (vor allem in der Arbeit oder im Studium). In Deutschland ist "Perfektionismus" eher eine Tugend als ein Fluch. Die Gefahr der Perfektion besteht darin, nie "anzukommen". Wenn du mit dir unzufrieden bist, ändere etwas. Schreibe dir genau auf, was es ist, was dich unzufrieden macht. Natürlich dürfen sich deine Ansprüche an dich selbst auch mit den Jahren verändern. Du entwickelst dich schließlich auch weiter.

Sobald du aber merkst, dass du immer weiter, immer höher hinaus, immer schneller sein möchtest, dann halte inne und erfasse die Situation. Wenn du dich immer nur mit anderen vergleichst, die du als perfekt ansiehst, wird dich das nur noch deprimieren. Wir sind unterschiedlich und sollen das auch sein!

Wenn alles, was du machst, das Ziel hat, dich zu bewerten, dann wird es gefährlich. Denn für dich selbst wirst du nie genug sein.

Viele kennen dieses Gefühl des "Nicht-genug-seins" vielleicht noch aus der Pubertät: Als wir auf der Suche nach unserer Identität waren, uns eingeordnet haben in das Leben und die Gesellschaft. Wir haben vielleicht Dinge getan, die wir selbst nicht gut fanden, die von der Gesellschaft oder der sog. "Peer group" aber so gefordert wurden (z.B. erste Alkohol- oder Zigarettenerfahrung etc.). Wir hatten Angst vor Inakzeptanz, vor dem Alleinsein. Wir werden nie alleine sein, das war uns damals aber nicht bewusst.

Diese Phase sollte mit Anfang/Mitte 20 beendet sein - Ausnahmen bestätigen natürlich die Regeln. Irgendwann bist du dir deiner Wünsche bewusst, entwickelst Prinzipien, hast deine eigene Moral.

Wenn dieser Punkt aber nicht einsetzt, solltest du dir professionelle Hilfe suchen. Das ist nicht schlimm, sondern die einzig richtige Entscheidung. Jeder hat seine Geschichte und sein Päckchen zu tragen: Dass du es tragen musst, kann dir keiner abnehmen, wie du aber lernst, es richtig zu tragen, kann man dir beibringen.


Eine weitere Gefahr der Perfektion ist das schlechte Gewissen aufgrund von Inkoninuität: Ein Ideal (konkretes Abbild deiner Perfektion) ist meist etwas, das du nicht von heut auf morgen erreichen oder umsetzen kannst. Es bedeutet harte körperliche oder psychische Arbeit, Geduld und auch Rückschläge. Hast du es dann aber doch einmal geschafft, möchtest du es schließlich auch beibehalten. Wenn das aufgrund von Lebensumständen (z.B. Krankheit) nicht möglich ist, kommt ein Gefühl des Versagens in einem auf. Du machst dich selber schlecht. Gedanken wie "War ja klar, dass du das nicht durchhältst." oder "Toll, jetzt ist die ganze Arbeit umsonst." belasten dich dann vielleicht. Diese Gedanken fressen sich wie Maden in dein Gewissen. Diese Phasen gibt es. Die Frage ist nur, wie gehst du damit um. Zerfließt du in Selbstmitleid oder reißt du dich am Riemen und stehst wieder auf?

Bei mir sind es zwei Personen in meinem Leben, die mich in solchen Phasen immer wieder "tasern" und meinen Kompass wieder neu ausrichten: Mein Freund und meine Mama. Solche Leute soll und darf es bei jedem geben. Es muss nicht immer eine  nahestehende Person sein, es kann auch professionelle, fremde Hilfe sein. Sich mal bei jemand komplett Fremdem auszukotzen, kann guttun und befreiend sein. 

Vielleicht bin ich irgendwann einmal auch so jemand für jemand anderen - oder bin es bereits?

4.  Wie finde ich die Balance?

Wie finde ich nun die Balance zwischen Perfektion als Booster und als Gefahr? Die goldene Antwort kann ich dir leider auch nicht geben. Ich kann dir nur Tipps nennen:

  - Mache dir bewusst, dass du einzigartig bist. Du sollst so sein, wie du bist.

  - Werde dir bewusst über die Situationen, wenn, wann und mit wem du dich vergleichst und beende es sofort, wenn du es merkst.

  - Wenn du unzufrieden mit etwas bist, ändere es. Es ist nicht ALLES schlecht.

  - Setze dir eigene, persönliche Ziele, die nichts mit anderen zu tun haben.

  - Bleibe nie im Trott stecken, sondern entwickle dich immer weiter - lebe aber nicht nur von Fortschritt. Wenn es dir hilft, setze dir Zeiträume: Von X bis Y werde ich das und das tun/lassen, um das zu erreichen. Danach lasse ich es aber auch wieder ruhiger angehen.

  - Setze dich nie unter Druck oder bestrafe dich, wenn mal etwas nicht so läuft wie geplant. Es läuft erstens immer anders und zweitens als man denkt.

  - Lies diesen Beitrag von mir

Ich hoffe, ich konnte mit diesem Beitrag zeigen, wie ich das alles sehe. Ich selbst habe die Weisheit natürlich auch nicht mit Löffeln gegessen und ertappe mich noch oft genug beim Vergleichen mit anderen. Das Foto von mir im Bikini hat mich wirklich Überwindung gekostet. Am liebsten hätte ich meinen Bauch wegretuschiert. Aber STOPP, nein! That's me!


Eine gute Übersprunghandlung beim Vergleich mit jemand anderem ist es, der Person, mit der du dich vergleichst, einfach zu sagen, was du toll an ihr findest. Du wirst staunen, wie überrascht die Person sein wird. Vielleicht antwortet sie ebenfalls mit einem Kompliment, mit dem du nicht gerechnet hättest. Ausprobieren geht über Studieren👩‍🎓


Nachwort: Laut Definition im Duden, heißt "perfekt' auch "abgeschlossen" oder "fertig" - und das willst du doch noch nicht jetzt im Leben erreicht haben oder? Lass uns mit 85 nochmal darüber sprechen 😊