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Pilgern auf dem Camino Portugués

Vom 26.09. bis 06.10.2017 war ich auf dem portugiesischen Jakobsweg unterwegs. Seit 2010 als ich das Hörbuch von Hape Kerkeling verschlungen hatte, war ich heiß darauf, selbst zu pilgern. Da ich mir aber für einen Marsch nicht länger als zwei Wochen Zeit nehmen konnte und kann, entschied ich mich für den ca. 250km langen Camino Portugues. Im Mai 2017 habe ich dann den Flug nach Porto (Portugal) gebucht. Alleine – sowohl alleine gebucht, als auch alleine gegangen.

 

Damals entschied ich mich dazu aus reinem Interesse an der Sache. Was das Jahr so bringen würde, war mir damals noch nicht klar.

Und so kam es, dass mich 2017 vor meinem Jakobsweg zwei Dinge etwas aus der Spur gerissen haben: Anfang Juni erfuhr ich von der Trennung meiner Eltern. Meine Mutter hatte meinen Vater nach fast 30 Ehejahren verlassen. Meinem Vater ging es elend. Aber auch meine Mutter machte eine schwere Zeit durch. Für uns drei Kinder war es ein Schock. Aber nicht so schlimm, wie das Ereignis, das Ende Juni geschah: Meine Schwiegermama Sonja starb unerwartet im Alter von nur 60 Jahren über Nacht. Sie hatte zwar schweres Parkinson, allerdings konnte sie damit mehr oder weniger gut leben. Was nun folgte, war meine erste Erfahrung mit dem Tod und dem, was alles Organisatorisches daran hing. Und vor allem: Ich sah meinen Freund zum ersten Mal gebrochen und ich konnte ihm nicht helfen. Ich konnte nur da sein. So hilflos kam ich mir noch nie in meinem Leben vor.

 

Im Juli wurde ich dann spontan für die Hochzeit meines Bruders „eingespannt“. Die kurzfristige Organisation (drei Wochen vor dem Termin hatten wir noch keinen Catering) war stressig, bereitete mir aber Riesenspaß, weil ich auch meinem Bruder endlich mal zeigen konnte, was ich eigentlich kann.

 

August und September waren beruflich die Hölle. Normalerweise wird es in den Sommerferien ruhiger, doch dieses Jahr nicht. Mitte September war ich kurz vor der Kündigung. Die damalige Offenheit meines Chefs brachten mich aber dazu, zu bleiben.

 

25.09. – Der Abflug – endlich. Es war soviel passiert. Ich war zum ersten Mal an dem Punkt, an dem ich wusste: Jetzt muss ich was für mich tun, sonst kann ich für nichts mehr garantieren.

 

Da ich schon einmal in Porto war, kannte ich mich recht gut aus. Den ersten Tag verbrachte ich durch die Stadt schlendernd. Aufgeregt, was der nächste Tag bringen würde. Am 26.09. brach ich schon gegen sieben Uhr auf. Ich wollte früh los, damit ich ordentlich etwas schaffen würde. Das Wetter war bewölkt. Der Küstenweg wenig attraktiv. Aber ich ging und ging. Schon nach den ersten Stunden hatte ich keinen Bock mehr. Wie schwer war denn bitte dieser Rucksack? (Er war 12 Kilo schwer – Empfehlung ist 10% des Körpergewichts – und 120kg wiege ich noch nicht.) Und wie sehr brennen meine Füße? Diese ekligen Edelpilger hinter mir und vor mir. Lassen sich das Gepäck von A nach B transportieren und haben die tollste Laune der Welt. Ahhhhhh! Warum mache ich das überhaupt?

 

Nach ca. fünf Stunden hatte ich die Option in eine Unterkunft einzukehren und dort eine Nacht zu bleiben – oder weitere 13 Kilometer zu gehen und dort in einer Unterkunft für 8€ zu schlafen? Es war gerade mal Mittag. Da geht doch noch mehr. Ende vom Lied war, dass meine Füße wie Feuer brannten und ich tatsächlich 35 Kilometer an einem Tag gegangen war. Ungeübt, weil: Das brauch ich ja nicht. Denkste.

In der ersten Unterkunft in Valle do Conde war ich zusammen mit einer Koreanerin und einer Deutschen im Zimmer. Für die erste Nacht wollte ich mir noch etwas Privatsphäre gönnen.

 

Für die Deutsche war es bereits der dritte Pilgerweg in ihrem Leben. Sie hatte bereits Schmerzen und nahm sich vor, am nächsten Tag nur ein paar Kilometer entlang der Küste zu gehen. Da ich ins Landesinnere wollte, war klar, dass sich unsere Wege trennten. Das fand ich sehr schade, da sie mir sympathisch war. Ich fragte sie: „Denkst du, es ist möglich, den Camino zu gehen, ohne jemanden kennenzulernen?“ Sie überlegte kurz und sagte dann: „Nein, auf keinen Fall.“ Das gab mir Hoffnung, weil zwölf Tage ohne „Freunde“ hätte ich mir nicht vorstellen können. Am nächsten Tag frühstückten wir noch zusammen und tauschten noch Handynummern aus. Sie schenkte mir sogar ihre Jakobsmuschel. Ich war sehr gerührt. Wir verabschiedeten uns und jeder ging seinen Weg. Später erfuhr ich, dass sie den Weg abbrechen musste, weil sie Fieber bekommen hatte. Sie flog heim, kehrte aber dann eine Woche später zurück nach Spanien und gönnte sich noch ein paar Tage am Meer.

 

Die andere Zimmernachbarin, die Koreanerin, wusste gar nicht mehr, der wievielte Camino es bei ihr war. Sie geht die verschiedenen Jakobswege schon seit 20 Jahren. Warum sie ihn geht, den Camino?, fragte ich und wurde gleich eines besseren belehrt: So eine Frage stellt man nicht sofort, wenn man sich kennenlernt. Sie ist sehr intim. Das war mir damals noch nicht bewusst.

 

Sie erzählte mir noch, dass sie an einem kulturellen Reiseführer für Koreaner für den Camino arbeitete. Das fand ich sehr interessant. Ich war aber zu müde zum Quatschen.

Am nächsten Tag wusste ich: Überschätzung ist die größte Schwäche. Meine Füße hatten sich null erholt. Ich war am Sack. Die nächste Unterkunft war „nur“ 13 Kilometer entfernt. Und so machte ich mich auf den Weg. Irgendwann ging es dann auch. In der Unterkunft, eine offizielle Jugendherberge und zugleich die älteste auf dem Weg, war ich dann schon gegen 14 Uhr. Übernachtung gab es gegen Spende. Kochen konnten die Pilger selbst. Schnell knüpfte ich hier Kontakte und kam mit einer deutschen Riesengruppe, die sich auch erst gestern kennengelernt hatte in Berührung. Und zwei Münchnern – ich glaube es nicht. Jakub und Luis. Die zwei verrückten sind in Frankreich gestartet, nach Santiago gepilgert und von da aus runter nach Porto. Seit über zwei Monaten waren sie unterwegs und hatten schon 1.200km gesammelt. Und dauerbekifft, aber lustig. Schade, dass wir uns nur diesen Abend sahen.

Die Betten glichen eher OP-Tischen: Da man seine Schlafsäcke selbst mitbringen musste, gab es nur Gummimatten, die bei jeder Bewegung quietschten. Gut geschlafen habe ich nicht wirklich. Aber that´s Pilgrim´ life.

 

 

 

Am nächsten Tag ging es weiter nach Barcelos. Ein wunderschönes Städtchen. Gerne wäre ich hier eine Nacht geblieben, aber meine Motivation trieb mich weiter. Ich konnte nicht schon wieder so wenige Kilometer schaffen. Aber meine Füße schmerzten so. Zum Glück traf ich wieder welche aus der letzten Unterkunft. Sophie schloss sich mir an und wollte auch weiter. Auf dem Weg trafen wir noch Chris. Zu dritt gingen wir weiter und von da an auch den restlichen Weg zusammen. Jeder von uns hatte sein Päckchen zu tragen. Ohne die beiden hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft. Sie haben mich gestützt und motiviert, weiter zu machen. Sophie hat meine Blasen versorgt, mit uns Yoga gemacht, die Kochideen gehabt und viel geredet. Chris hat mir geholfen, meine Zweifel auszusprechen und sie zu zerstreuen.

Danke euch! Ohne euch hätte mein Camino 80km vor dem Ziel aufgehört.

Während dem Camino habe ich viel darüber nachgedacht, wie es ist, anzukommen in Santiago. Chris hat es auf den Punkt gebracht: Wir befassen uns viel zu sehr mit der Ankunft, sodass wir den Weg nicht genießen können. Wohl war. Aber ich habe viel bewältigt. Auch wenn man als Gruppe unterwegs ist, geht man nicht immer zusammen. Und das ist auch gut so. So kann jeder seinen Weg gehen. Ich habe viel geweint, geflucht, gestunken und gelacht.

 

Ich wollte den Camino immer gehen, weil ich schon mal in Santiago als Urlauber war und in die zufriedensten und verschwitztesten Gesichter der Welt geblickt habe – das wollte ich auch!

Und so war es. Wir sind gegen 11 Uhr vormittags angekommen. Ich hatte Musik im Ohr und Tränen in den Augen. Es war so ein gutes Gefühl nach einem so harten Jahr. Unbeschreiblich.

 

Leider hatten wir nicht lange in Santiago. Wir holten unsere Urkunden und Sophie und ich gingen dann erst einmal ausgiebig shoppen. Abends trafen wir uns zum letzten Abendmahl. Danach legten wir uns vor die Kathedrale und hörten "Bohemian Rhapsody". Es war perfekt.

 

Am nächsten Tag flog ich zurück. Sophie am übernächsten. Nur Chris ist nach Finesterre gefahren und hat sich dort den Sonnenuntergang angesehen. An unserem letzten Abend hatten wir unsere Sorgen und Wünsche aufgeschrieben und sie Chris mitgegeben. In Finesterre hat er sie dann beim Sonnenuntergang am Meer verbrannt. Die Fotos hat er uns geschickt. Danke.

 

Auf dem Camino habe ich wieder angefangen, zu rauchen. Ich habe jeden Tag mindestens eine Flasche Wein getrunken. Also ein körperliches Detox war das nicht – nur ein seelisches.

 

Der Camino ist krass – wie das Leben, nur im Schnelldurchlauf. Ich werde ihn auf jeden Fall nochmal gehen. Den gleichen, einen anderen oder mehrere.

 

Buen Camino!

 

  • Wo bekommt ihr den Pilgerpass her? Gegen 10€ Spende hier
  • Welchen Reiseführer habe ich verwendet? Outdoor
  • Wie lange habe ich gebraucht: 12 Tage